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Blick ins Erbgut liefert Karte der menschlichen Wanderwege

Welchen Weg nahm Homo sapiens? Blick ins Erbgut liefert Karte der menschlichen Wanderwege

Aus Afrika heraus eroberte Homo sapiens die Welt. Wann und auf welchen Wegen unsere Vorfahren um die Welt zogen, untersuchten nun mehrere Forscherteams.

Tänzer mit traditioneller Bemalung in Papua Neu Guinea. Noch ist nicht eindeutig bewiesen, auf welchen Wegen sich der Homo sapiens über die Welt verbreitet hat.

Quelle: Mick Tsikas

Boston/Tartu/Kopenhagen. Gleich drei Genetiker-Teams liefern Daten darüber, wie der moderne Mensch aus Afrika kommend die Welt eroberte. Ihre detaillierten Untersuchungen des Genoms von mehr als 280 unterschiedlichen Populationen geben neue Einblicke in die Wanderwege des Homo sapiens.

Die Forscher präsentieren ihre Ergebnisse im Fachblatt „Nature“. Nach der gegenwärtig am stärksten vertretenen Out-of-Africa-Hypothese breitete sich die Gattung Homo von Afrika aus über die Welt aus: Als erstes gelangte demnach Homo erectus vor etwa 1,9 Millionen Jahren nach Asien und Europa. Vermutlich entwickelte sich aus ihm in Europa der Neandertaler, in Afrika der Homo sapiens. Dieser moderne Mensch verließ dann vor 60 000 bis 70 000 Jahren den afrikanischen Kontinent und zog über die Erde.

Die anatomisch modernen Menschen vermischten sich zum Teil mit den einheimischen Menschenarten, die sie auf den Erdteilen antrafen, in Europa etwa mit dem Neandertaler. Letztlich aber starben die anderen Menschenarten innerhalb kurzer Zeit aus, so die gängige Hypothese. Alle heute lebenden Nicht-Afrikaner sind demnach die Nachfahren einer einzigen Auswanderer-Population.

Einer konkurrierenden Theorie zufolge verließen erste anatomisch moderne Menschen schon vor gut 120 000 Jahren Afrika und besiedelten Südostasien und den australasiatischen Raum. Eurasien wurde anschließend von einer zweiten Auswanderer-Gruppe über die Levante besiedelt. Welche der beiden Hypothesen die richtige ist, beantworten die vorgestellten Studien nicht, aber sie liefern neue Erkenntnisse zu einzelnen Details der menschlichen Wanderungen.

Die Wissenschaftler um David Reich von der Harvard Medical School (Boston/ US-Staat Massachusetts) sequenzierten das Genom von 300 Individuen aus 142 Populationen, vor allem solche, die in vorhergehenden Untersuchungen nicht ausreichend berücksichtigt worden waren. Indem sie anschließend die kleinen Abweichungen im Aufbau des Erbguts analysierten, erfuhren die Forscher etwas über die Herkunft und die Vorfahren der untersuchten Populationen. Warum? In den Populationen bilden sich unterschiedliche Muster heraus, die im Falle eines Umzugs in neue Lebensräume mitgenommen werden.

Reich und seine Mitarbeiter vermuten nach ihrer Untersuchung, dass sich die Gruppe, auf die letztlich alle heute lebenden Menschen zurückzuführen sind, bereits vor 200 000 Jahren in Afrika aufzuspalten begann. Ein Teil verließ den afrikanischen Kontinent und spaltete sich dann in eine ost- und eine westeurasische Gruppe. Die osteurasischen besiedelten später den ostasiatischen und den australasiatischen Raum. Heutige Menschen in Australien und Papua Neuguinea wären dieser Theorie zufolge Nachfahren dieser Gruppe.

Auch die Forscher um Eske Willerslev von der Universität Kopenhagen sind nach ihrer Analyse der Ansicht, dass es nur eine Auswanderung von Homo sapiens aus Afrika gegeben habe. Sie hatten das Erbgut von insgesamt 83 Aborigines und 25 Papua analysiert. Ihrer Studie zufolge trennte sich diese Gruppe von der der Europäer und Asiaten vor etwa 58 000 Jahren. Vor etwa 37 000 Jahren trennten sich dann die Entwicklungslinien der Aborigines und der Papua voneinander - lange vor der weiten räumlichen Trennung beider Populationen vor etwa 10 000 Jahren. Innerhalb des australischen Kontinents bildeten sich Subgruppen heraus, vermutlich, weil die entstehenden Wüsten natürliche Barrieren ausbildeten.

„Die genetische Vielfalt unter den australischen Aborigines ist erstaunlich. Vielleicht weil der Kontinent schon so lange besiedelt ist, finden wir, dass sich Gruppen aus den südwestlichen Wüstengebieten Australiens genetisch stärker von Gruppen des nordöstlichen Australiens unterscheiden als zum Beispiel Amerikas Ureinwohner und Menschen aus Sibirien - und das auf einem Kontinent!“, sagt Anna-Sapfo Malaspinas, ebenfalls von der Universität Kopenhagen. Im Erbgut fand das Team zudem Spuren von ausgestorbenen Menschengruppen, etwa den Denisova-Menschen sowie einer bislang unbekannten Gruppe.

Obwohl diese beiden Untersuchungen Belege für eine einzige Auswanderung von Homo sapiens aus Afrika finden, schließen die Forscher auch mehrere Auswanderungswellen aus Afrika nicht völlig aus. Hinweise darauf fand etwa ein Team um Luca Pagani vom Estonian Biocentre in Tartu (Estland). Diese Forscher zeigten, dass etwa zwei Prozent des Erbguts von Menschen aus Papua Neuguinea Merkmale haben, die darauf hinweisen, dass ihre Vorfahren Afrika früher verlassen hatten als andere Eurasier.

Die Modelle seien nicht so schwer miteinander zu vereinen, als es zunächst den Anschein hat, kommentieren Serena Tucci und Joshua Akey von der University of Washington die Artikel-Serie in „Nature“. Mehrere Auswanderungswellen seien denkbar, solange die Menschen keine oder nur wenige Spuren im Erbgut der heutigen Nicht-Afrikaner hinterlassen haben. Dass Populationen mit Ausnahme ihrer Knochen scheinbar spurlos von der Erde verschwinden, sei im Laufe der menschlichen Geschichte mehrfach vorgekommen.

Trotz der interessanten Ergebnisse der Studien sei es grundsätzlich von entscheidender Bedeutung, die Grenzen der Genetik nicht zu vergessen. Daten aus der Archäologie, Anthropologie oder Sprachwissenschaft müssten hinzugezogen werden, um ein vollständiges Bild davon zu zeichnen, wie die frühen Menschen die Welt erkundeten und eroberten.

Axel Timmermann und Tobias Friedrich von der University of Hawaii at Manoa (Honolulu/US-Staat Hawaii) zeigten in einer weiteren Studie, das Klimaveränderungen die Menschen womöglich aus Afrika getrieben haben. Demnach verursachten Veränderungen der Erdumlaufbahn in den vergangenen 125 000 Jahren Klimaschwankungen, die unter anderem die Höhe des Meeresspiegel veränderten, berichten sie ebenfalls in „Nature“.

dpa

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