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Klare Worte für Erwachsene

Gastbeitrag von Robert Pfaller Klare Worte für Erwachsene

Zu viel Rücksicht auf vermutete Empfindlichkeiten ist gefährlich. Unsere politische Sprache ist übervorsichtig geworden – und lenkt damit ab von tatsächlichen Missständen. Dabei tut Deutlichkeit keinem weh. Im Gegenteil: Sie hilft, Ungleichheit zu bekämpfen.

Durch den Fokus auf ihre angenommenen Empfindlichkeiten werden Menschen abgelenkt von ihren Interessen sowie von ihrer Fähigkeit, sich mit anderen zusammenzuschließen, meint der Philosoph Robert Pfaller.

Quelle: Vetta

Wien. Die meisten Menschen sehen sich gegenwärtig zwei seltsamen, widersprüchlichen Anforderungen ausgesetzt: Wenn es um den Einsatz ihrer Arbeitskraft geht, sollen sie, egal ob Männer oder Frauen, hart, belastbar und flexibel sein. Geht es aber um die Sprache im öffentlichen Raum, dürfen sich alle als hilflose, unschuldige Sensibelchen gerieren. Selbst erwachsene Menschen müssen nun extra gewarnt werden, wenn in einem Film wie etwa Michael Hanekes “Amour“ ein paar Worte vorkommen, die als “adult language“, als nicht jugendfreie Sprache, gelten. Es gilt nicht mehr als selbstverständlich, dass Erwachsene auch mal klare Worte aushalten können.

Das eine hängt direkt mit dem anderen zusammen: Das neue sanfte Sprechen ist der Erfüllungsgehilfe verhärteter Verhältnisse. Die Symbolpolitiken des vermeintlich politisch korrekten Sprechens und der Rücksicht auf diverse Identitäten sind ein aktiver Beitrag zur Produktion zunehmender gesellschaftlicher Ungleichheit.

Durch den Fokus auf ihre angenommenen Empfindlichkeiten werden Menschen abgelenkt von ihren Interessen sowie von ihrer Fähigkeit, sich mit anderen zusammenzuschließen und gemeinsam stark und rebellisch aufzutreten. Die Propaganda des Zartgefühls ist in Wahrheit eine Pädagogik der Einschüchterung und der gezielten Entsolidarisierung.

Symbolische Wertschätzung ist Pseudopolitik

Diese Politik der Verletzlichkeit ist etwas Postmodernes. Sie ist die kulturelle Entsprechung zur neoliberalen Wirtschaftspolitik. Jene hat seit Ende der Siebzigerjahre massive Ungleichheit in westlichen Gesellschaften entstehen lassen. Für die Mehrheit ihrer Mitglieder sind sie zu “Abstiegsgesellschaften“ geworden: Viele Menschen können sich nicht mehr vorstellen, dass es ihren Kindern morgen besser oder auch nur gleich gut gehen wird wie ihnen selbst heute.

Diesem neokonservativen Angriff auf den gesellschaftlichen Reichtum haben die gemäßigt linken Parteien wenig entgegengesetzt. Anstatt den Keynesianismus zu verteidigen oder ihn zu modernisieren, haben sie die neoliberale Wirtschaftspolitik ihrer Gegner übernommen und selbst Privatisierungen und Sozialabbau betrieben. Um sich aber doch von der Rechten zu unterscheiden, mussten sie versuchen, im Kleinen progressive Zeichen zu setzen. Daher die Vorliebe für ethnische oder sexuelle Minderheiten. Dies ist das Prinzip einer Pseudopolitik, die gegen die zunehmende Verarmung der Massen nichts unternimmt, während sie immer kleineren Minderheiten eine meist symbolisch bleibende Wertschätzung entgegenbringt.

So zeichnet sich in vielen westlichen Staaten inzwischen bei Wahlen eine fatale Alternative ab: einerseits eine neoliberale Mitte-links-Partei mit einigen winzigen liberalen Bonuspunkten für Außenseiter, andererseits eine ebenso neoliberale Rechts-Partei, die mit nationalistischen oder frauenfeindlichen Entgleisungen Stimmung macht.

Benachteiligung wird in Verletzbarkeit umgedeutet

Wer der neoliberalen Linken nicht weiter dabei zusehen will, wie sie gegen eine unappetitliche Rechte verliert, muss diesen Scheingegensatz darum von links angreifen. Das bedeutet, eine andere ökonomische Politik zu fordern und die kulturelle Pseudopolitik, die immer noch zusätzlichen Schaden anrichtet, zu bekämpfen.

Postmoderne Pseudopolitik betreibt die gezielte Umdeutung von sozialer Benachteiligung in Verletzbarkeit. Man tut so, als wären die benachteiligten Gruppen in der Gesellschaft zugleich jene, die besonders kränkbar und empfindlich wären. Dabei ist klarerweise das Gegenteil der Fall: Diejenigen, die ernste Sorgen haben, sind bei Kleinigkeiten durchaus robust.

Das Zurschaustellen von Empfindlichkeit hingegen hilft nur Angehörigen von Eliten: Nur auf einer Eliteuniversität etwa kann man sich Aufmerksamkeit und Respekt erkämpfen, indem man behauptet, man sei durch eine Wortwahl, ein interkulturelles Gericht in der Mensa oder auch ein kontroverses Argument in seinen Gefühlen verletzt worden.

Empfundene Bevormundung hilft rechten Populisten

Alle übrigen Gruppen der Gesellschaft hingegen spüren zunehmend, dass solche Politiken mit ihren Interessen nichts zu tun haben, und beginnen, deren Vertreter als präpotente Bevormunder zu hassen: Nicht etwa, weil sie etwas gegen sexuelle Minderheiten hätten, sondern weil sie spüren, dass dieser Fokus nur eine Ablenkung von den Fragen bedeutet, um die sich Politik in erster Linie zu kümmern hätte.

Diese begründete Empörung bringt den unflätigen Rechten unverdienten Erfolg: Denn es genügt ihnen, ein paar verbale Entgleisungen zu liefern, um als Männer des Volkes zu gelten – ungeachtet dessen, dass sie in ihrer ökonomischen Politik alles andere sind und tun.

Gegen eine Pseudolinke, die es der populistischen Rechten so leicht macht, muss man heute eine ethische Qualität in Erinnerung rufen, die zugleich eine politische ist: Erwachsenheit. Erwachsenheit bedeutet, die eigene Aufregung über kleine Dinge kleinzuhalten – um sich dafür über jene Dinge aufregen zu können, die einen selbst kleinhalten.

Zur Person: Der österreichische Philosoph Robert Pfaller wurde bekannt durch seine Studien zur Interpassivität, einer Praxis, in der eigene Empfindungen auf andere übertragen werden. Pfaller ist Mitbegründer der Initiative Mein Veto gegen staatliche Bevormundung. Jüngst erschien sein Buch “Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur“ (S. Fischer).

Von Robert Pfaller

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