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Mit dem Fahrrad durch die Moskauer Rush-Hour

Umsteigen Mit dem Fahrrad durch die Moskauer Rush-Hour

Ein Hype geht durch Moskau: Fahrradfahren soll der Millionenstadt neue Lebensqualität einhauchen. Im Zentrum können die Hauptstädter seit neuestem auch Elektrofahrräder ausleihen. Doch steckt auch politisches Kalkül hinter der Initiative?

Die 26 Jahre alte Aljona mit einem Leihfahrrad in Moskau.

Quelle: Claudia Thaler

Moskau. Zwei Stunden in der vollgepackten, stickigen Moskauer Metro? Oder doch mit dem Fahrrad durch die kilometerlangen Staus der russischen Millionenmetropole? Für Aljona ist es eine einfache Entscheidung: „Bei mehr als fünf Grad Celsius radle ich zur Arbeit, ganz klar“, sagt die 26-Jährige. Seit zwei Jahren verzichtet die junge Moskauerin auf Auto und U-Bahn und leiht sich ein Rad von der Stadt. Damit ist sie nicht alleine, immer mehr Russen steigen um. Warum gerade jetzt?

Elektrobikes oder ein einfaches Leih-Fahrrad: Moskauer und Touristen können sich für einige Euro stundenlang Fahrräder ausleihen. „Für einige ist es vielleicht noch eine Freizeitbeschäftigung, für mich hat sich dadurch mein Leben verändert“, sagt Aljona der Deutschen Presse-Agentur. Sie spart für eine eigene Wohnung, ein Fahrrad, stabil genug für die rauen Moskauer Straßen im Sommer und Winter, kann sie sich zur Zeit nicht leisten. Dass nun immer mehr Leihstationen entstehen, kommt ihr gelegen.

Das britische Wirtschaftsmagazin „The Economist“ listet Moskau mit rund zwölf Millionen Einwohnern in puncto Lebensqualität auf den hinteren Plätzen. Nur Kiew, Tripolis in Libyen, Damaskus im Bürgerkriegsland Syrien und Lagos in Nigeria haben in den vergangenen Jahren noch mehr an Pluspunkten verloren. Unter den 30 gelisteten Faktoren wird auch die Entwicklung der Infrastruktur miteinberechnet.

Um „die Stadt lebenswerter zu machen“, will die Stadtverwaltung das Verleihsystem noch stärker ausbauen. Seit neuestem werden auch Elektrobikes angeboten. Das Projekt wird von der Stadtverwaltung mitfinanziert, Geldgeber sind aber auch verschiedene russische Großbanken. Bis Jahresende sollen die Menschen an bis zu 380 Orten im Stadtzentrum Räder ausleihen können. In zwei Jahren sollen noch Dutzende hinzukommen.

„Wir wollen damit auch das Stauproblem angehen. Vielleicht lichten sich die Straßen, wenn immer mehr Menschen auf das Fahrrad umsteigen“, sagt Wladimir Kumow, der seit Jahren mit einer Aktivisten-Gruppe Radparaden organisiert - auch im Winter bei minus 30 Grad. Heute ist der 32-Jährige Berater der Stadt.

Das ist auch dringend nötig: Einer aktuellen Studie des amerikanischen Verkehrsdatenanbieters Inrix zufolge standen die motorisierten Hauptstädter im vergangenen Jahr rund 3,8 Tage im Stau - und schrammen somit nur knapp am Spitzenreiter Los Angeles vorbei. Zum Vergleich: In der deutschen Stauhochburg München summiert sich die Wartezeit in der Blechlawine auf rund zwei Tage im Jahr.

In weniger als einem Jahr finden in Moskau die nächsten Bürgermeisterwahlen statt. Knapp 7,4 Millionen Bewohner werden wahlberechtigt sein. Bereits 2013 - kurz vor der letzten Wahl - hat Amtsinhaber Sergej Sobjanin den Beginn einer Verkehrsrevolution versprochen. Hunderte Kilometer Fahrradwege sollten eingerichtet werden, selbst die Polizei sollte bei der Verbrecherjagd gelegentlich auf das Fahrrad umsteigen. Das Problem: Im Stadtzentrum rund um den Kreml gibt es aber immer noch kaum Raum für Radfahrer; sind die Fußwege breit genug, werden diese von den Radfahrern notgedrungen annektiert.

Vor vier Jahren gab es viele Zweifler, ob das Projekt wirklich funktionieren könnte. Nun steht Sobjanins Wiederwahl an - noch einmal setzt er auf die Innovation der Infrastruktur. „Es scheint, als hätte man verstanden, dass das Auto keine Variante bietet, dass die Stadt sich entwickeln kann“, sagt Radfahr-Experte Kumow.

Heute hat sich die Situation in der Stadt merklich verändert. Besonders junge, moderne Menschen wollen fit werden und verzichten liebend gern auf das Auto. Da nehmen sie auch in Kauf, dass der Weg zur Arbeit gefährlich werden kann - durch ungefilterte Abgase und den rasanten Fahrstil mancher Autofahrer. „Einige blicken sich um und wissen, dass jetzt auch wir unterwegs sind. Sie sind etwas rücksichtsvoller geworden“, erzählt Alexej, der mit seinem Mountainbike jeden Tag eine Stunde zu seinem Büro im Zentrum fährt.

Alexej hofft, dass auch andere Städte zum Beispiel in Sibirien in Zukunft verstärkt auf Fahrräder setzen werden. „Denn wir wissen ja: Moskau gibt die Mode vor. Was hier passiert, gibt's spätestens in einem Jahr in ganz Russland.“

dpa

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