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So tickt Deutschlands Jugend

Sinus-Jugendstudie So tickt Deutschlands Jugend

Alle vier Jahre gibt die Sinus-Studie Einblick in Gedanken, Gefühle und Wünsche der 14- bis 17-Jährigen. Laut der aktuellen Studie sind sie besonders brav und angepasst. Sie wollen sein "wie alle".

Quelle: fotolia

Berlin. Hippies, Popper, Punks? Fehlanzeige. Deutschlands Teenager stehen nach der neuen Sinus-Studie auf das, was für junge Leute früher ein Schimpfwort war: Mainstream. „Sein wie alle“ gelte für viele Jugendliche als cool, ob beim Musikgeschmack, Klamotten oder Kino, sagt Studienautor Marc Calmbach. Abgrenzung und Provokation sind einem Kuschelkurs mit den Erwachsenen gewichen. Jugendforscher Klaus Hurrelmann sieht darin einen Trend zur Überanpassung. „Es ist eine nicht-rebellische Generation, die als oberstes Ziel hat, in diese Gesellschaft hineinzukommen“, bilanziert er.

Für Sozialwissenschaftler ist es auch eine Generation der positiven Überraschungen. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle fragten Forscher junge Leute im vergangenen Jahr auch nach ihrer Meinung zu Flucht und Asyl. Im Ergebnis waren Ausländerfeindlichkeit oder die Ablehnung des Islam als Religion den meisten Teenagern fremd. Eine deutliche Mehrheit sprach sich für die Aufnahme von Flüchtlingen aus - so lange es nicht zu viele werden, um sie zu integrieren.

Auch religiöse Toleranz sowie die Ablehnung von Gewalt eint die befragten Jugendlichen aus allen Bildungsschichten. Besonders zu spüren sei die Distanzierung vom radikalem Islamismus bei Muslimen, sagt Calmbach. „Im Ergebnis sehen wir ein Zusammenrücken der jungen Generation“, sagt Hurrelmann.

Die Jugend ist dennoch keine homogene Gruppe. Sie gliedert sich zum Beispiel in Konservative, Pragmatische, Ökos oder die Spaß-Fraktion. „Durch alle Gruppen hindurch gibt es aber ein Gefühl der Gemeinsamkeit“, ergänzt der Forscher. Auch Migranten fühlten sich mehrheitlich zu Hause. Damit habe Deutschland trotz kleiner radikal-islamistischer Strömungen eine deutlich bessere Ausgangssituation als zum Beispiel Frankreich. „Der Mainstream hat auch Vorteile. Diese Jugend will sich nicht auseinanderdividieren lassen“, sagt Hurrelmann.

Statistisch lässt sich das allerdings noch nicht belegen. Denn die Sinus-Studie arbeitet nicht mit Quantität. Sie setzt in langen Einzelinterviews mit 72 Jugendlichen auf inhaltliche Tiefe. In der Forschung ist diese Methode als seriös anerkannt - auch als Basis für weitere, größerer Erhebungen.

"Überanpassung aus Sorge"

Wissenschaftler sehen äußere Einflüsse wie Wirtschaftskrisen, die Terroranschläge in Europa und eine zunehmend unsichere globalisierte Welt als Gründe für den ungewöhnlichen Schulterschluss - unter Jugendlichen, aber auch mit ihren Eltern. „Es ist eine Überanpassung aus Sorge“, sagt Hurrelmann. Das letzte Mal haben Jugendforscher das in der Generation direkt nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland beobachtet, bevor die 68er rebellierten. Die heutige Jugend wirkt dagegen eher wie eine Fortsetzung der „Generation Golf“, die es sich auch schon mit Mama und Papa bequem machte.

Studienautor Calmbach hat überrascht, wie sehr sich junge Leute heute über die grundlegenden Werte des Zusammenlebens Gedanken machen. Freiheit und Rechtsstaat, Pfeiler einer offenen Gesellschaft, stünden hoch im Kurs, sagt er. Dazu kämen viele Gedanken über Umweltschutz und kritischen Konsum - auch wenn die Ethik beim Shoppen öfter mal auf der Strecke bleibe.

Doch der Kuschelkurs hat seine Schattenseiten. „Es ist eine Jugend mit verhältnismäßig wenig Freiraum“, urteilt Hurrelmann. Nur in bildungsfernen Schichten seien Teenager noch froh, keine Helikopter-Eltern zu haben. „Gleichzeitig vermissen sie Vorbilder und ahnen, wie negativ sich diese Erziehung auf ihre Schulkarriere auswirken wird.“

Aufsteigen statt absteigen gehört zu den zentralen Motiven dieser ehrgeizigen jungen Generation. Die Überzeugung, abgehängt zu werden, wenn es in der Schule nicht rund läuft, hat sich noch weiter verstärkt. Mit der Konsequenz, dass sich eine Minderheit ausgegrenzt fühlt. Mit der Toleranz ist es dann oft auch vorbei.

Dauernd Online

Calmbach sieht die Anpassung der Teenager auch als Reaktion auf Erwachsene, die sich immer jugendlicher geben. „Das ist die erste Generation, in der Eltern und Kinder die selbe Musik hören und Mütter ihre Töchter nach Mode-Blogs fragen“, sagt er.

Die Luft ist sogar beim Streit um Surf- und Spielzeiten im Internet raus. Denn auch viele Erwachsene sind nun dauernd online und nutzen soziale Medien. Doch eine Gegenbewegung rollt auch bei jungen Leuten: Wunschlos glücklich mit Smartphones und Tablets sehnen sich die ersten bereits nach einer Entschleunigung. Aus der digitalen Dynamik flüchten sie zeitweise in eine Offline-Sozialromantik - gärtnern und kochen nicht ausgeschlossen. Das heißt aber nicht, dass sie sich bei Facebook abmelden. Leben heißt für Teenager online-sein.

Von Ulrike von Leszczynski/dpa

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