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Alexej Breus: Der letzte Mann im Kontrollraum

Kiew Alexej Breus: Der letzte Mann im Kontrollraum

Als die Kernschmelze beginnt, soll Alexej Breus den Super-Gau in Tschernobyl verhindern. Aber der riskante Einsatz des Technikers misslingt. Wie sieht der Ukrainer 30 Jahre später das Geschehen?

Kiew. Verzweifelt drückt Alexej Breus auf den Knopf im Kontrollraum von Tschernobyl - doch der Versuch, den Super-Gau zu stoppen, scheitert. 30 Jahre nach der Atomkatastrophe erinnert sich der Ukrainer gut an seinen Einsatz.

„Es war wohl der sinnloseste Versuch, den man unternehmen konnte“, sagt der 57-Jährige im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Kiew. Breus gilt als der letzte Mann im Kontrollraum von Tschernobyl. Rund 15 Stunden nach der Explosion sollte er den Reaktor per Knopfdruck fluten. Ergebnislos.

Lässig gekleidet in Jeans und einen dunklen Pullover steht Breus in der ukrainischen Hauptstadt zwischen selbstgemalten Ölbildern. Damals habe Unklarheit geherrscht über den genauen Zustand im Reaktor, erzählt er. Moskau habe verlangt, Wasser hineinzupumpen. Doch alle Bemühungen, die fatale Kettenreaktion zu stoppen, waren vergeblich.

„Die Ursache für die Havarie liegt nicht so sehr bei den Technikern oder Konstrukteuren als vielmehr in allgemeiner Fahrlässigkeit und Verantwortungslosigkeit“, sagt der Mann mit dem schütteren Haar rückblickend. Das Unglück von Fukushima 2011 habe aber gezeigt, dass so etwas auch in einem Hochindustrieland wie Japan und nicht nur in der damaligen Sowjetunion passiere.

Die technologische Entwicklung betrachtet er mit Skepsis. „Der Zug namens Fortschritt rast mit voller Geschwindigkeit irgendwohin - und die Menschheit hofft, dass er in eine gute Zukunft fährt“, sagt Breus. Stoppen könne man diesen Zug nicht. „Aber man sollte ihn wenigstens auf ein sicheres Gleis lenken“, sagt er.

Der 1959 in Südrussland geborene Breus zieht 1982 nach dem Studium an der Technischen Bauman-Hochschule in Moskau nach Prypjat bei Tschernobyl. „Den Ausschlag gab ein Mädchen, das mich beim Spazierengehen auf seinen Rollschuhen anrempelte. Meine Frau Galina fragte das Kind: „Wohin soll der Onkel gehen: nach Tschernobyl oder Podolsk?“ Es sagte „Tschernobyl“ - so fiel die Entscheidung“, erzählt der Ukrainer. Als sich der Unfall ereignet, arbeitet seine Frau gerade in Leningrad (heute St. Petersburg). „Zum Glück“, sagt Breus.

Nach der Katastrophe findet er zunächst eine Stelle in Kiew bei der Atomaufsicht. 1990 schließt er ein Journalistik-Studium in der ukrainischen Hauptstadt ab und arbeitet für das Amtsblatt des Parlaments, später für eine Nachrichtenagentur. Daneben entdeckt er die Malerei für sich. Mit der Künstlergruppe „Strontium-90“ und als Journalist reist er etwa hundertmal in die Todeszone. Hauptthema: die Bewahrung der Natur. 2015 kündigt er seinen Journalistenjob, seitdem lebt er von seiner Kunst und den knapp 170 Euro Tschernobyl-Rente.

„Wenn es meine Gesundheit noch zulässt, will ich ein Buch schreiben - über den Samstag, der nicht nur mein Leben komplett veränderte“, erzählt Breus. Experten schätzen, das die Katastrophe am 26. April 1986 Zehntausende das Leben kostete. Die radioaktive Wolke zog über Weißrussland nach Westen. Breus beklagt sich nicht - seine Gesundheit entspreche dem Alter. Mögliche Folgeschäden erwähnt er nicht. „Es könnte schlechter sein“, sagt der Ukrainer leise mit einem Lächeln.

dpa

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