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Analyse: Der lange Weg von Indiens Frauen

Neu Delhi Analyse: Der lange Weg von Indiens Frauen

„Indiens Tochter“, die „Furchtlose“, das „Löwenherz“ ist tot. Die von sechs Männern auf bestialische Weise vergewaltigte 23-Jährige hat den Kampf um ihr Leben verloren.

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Stumm gedenken diese Frauen in Mumbai dem verstorbenen Opfer der Massenvergewaltigung. Foto: Divyakant Solanki

Neu Delhi. Viele andere Frauen in Indien beginnen erst allmählich damit, sich zu wehren.

Einige trauen sich nun, öffentlich über Massenvergewaltigungen durch Soldaten zu sprechen. Sie erzählen, wie sie nach einem sexuellen Übergriff zur Polizeistation gingen und dort noch einmal vergewaltigt wurden. Und von schrecklichen Vereinbarungen: Um die Ehre ihrer Familie wieder herzustellen, mussten sie den Vergewaltiger heiraten.

„Ich bin so traurig, dass ich Teil dieser Gesellschaft und Kultur bin“, schrieb Bollywood-Superstar Shah Rukh Khan am Samstag via Twitter. Er schäme sich, ein Mann zu sein. Das dürfte für die meisten anderen Inder nicht gelten, denn sie sind das bevorzugte Geschlecht: Mädchen werden häufig abgetrieben, so dass nur 940 Frauen auf 1000 Männer im Land kommen. In der Hauptstadt Delhi sind es sogar nur 866 Frauen, geht aus offiziellen Statistiken hervor.

Es gibt weitere erschreckende Zahlen der Regierung, etwa die höhere Zahl an unterernährten Mädchen. Und während drei Viertel der Männer lesen und schreiben können, gilt das nur für etwa die Hälfte der Frauen. Das hängt auch damit zusammen, dass Mädchen oft nicht mehr in die Schule gehen dürfen, sobald sie ihre Regelblutung bekommen. Denn vor allem auf dem Land gibt es trotz anderslautender Gesetze oft keine Schultoiletten - und damit für die Mädchen keine Möglichkeit, ihre Binden zu wechseln.

„Was ist falsch mit uns, mit unserer Gesellschaft?“, fragt die Frauenrechtlerin Kavita Krishnan bei den Protesten in Neu Delhi. Nirgendwo im Land seien Frauen so viel wert wie Männer. Das zeige sich auch bei der Strafverfolgung: Wenn sich eine Frau einmal überwinde, nach einer Vergewaltigung zur Polizei zu gehen, sei diese oft nicht gewillt, ihre Anzeige aufzunehmen. Dann verschleppten die Gerichte die Fälle oft jahrelang, 100 000 Akten sollen verstauben. Und nur in einem von vier Fällen kommt es zu einer Verurteilung.

Männer müssen für Vergehen an Frauen also kaum Konsequenzen fürchten. In einer Talkshow fragte die Moderatorin neulich ins Publikum, wer in einem öffentlichen Verkehrsmittel schon begrapscht worden sei. Alle weiblichen Hände gingen nach oben. Wer protestierte? Nur eine. „Was betrachten wir als Gewalt?“, fragt Shoma Chaudhury vom indischen Magazin „Tehelka“ in einem Gastbeitrag für die „Junge Welt“. „Muss erst eine Frau nackt und mit zerfetzten Genitalien auf die Straße geworfen werden, bevor wir Gewalt wahrnehmen?“

Es sei nicht nur die besondere Brutalität dieses Falls gewesen, die zu den Protesten führte, sagt die politische Analystin Saba Naqvi. Gruppenvergewaltigungen werden in Indien täglich angezeigt - meistens in ländlichen Gegenden. Oft suchten die Männer Frauen der Urvölker oder Dalit-Mädchen aus, also die sogenannten Unberührbaren am unteren Ende der Gesellschaft. Diesmal aber traf es eine Studentin in der 17-Millionen-Metropole Delhi. „Die Proteste jetzt sind ein Aufstand der wachsenden urbanen Mittelschicht“, sagt sie.

Und diese scheint gerade erst zu erwachen. „Es kann ja auch meine Schwester treffen“, sagt der 24-jährige Badal Yadav, der mit seinen Kommilitonen zu den Protesten kam. Sie sehen es als ihre Pflicht an, auf die Straße zu gehen - und wollen weiter kämpfen. „Wir müssen doch zeigen, dass es auch Menschlichkeit gibt“, sagt Yadav. Neben ihm hält ein junger Mann ein Schild, auf dem er dem Vergewaltigungsopfer alles Gute wünscht. „Mögest Du im Himmel den Frieden finden, den wir Dir nicht geben konnten, als Du hier warst.“

dpa

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