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Analyse: Merkel beim Gipfel der Symbole

Ise-Shima Analyse: Merkel beim Gipfel der Symbole

Große Gipfel, kleine Fortschritte, macht die G7-Runde ohne Russland eigentlich noch Sinn? Botschaften gibt es jedenfalls viele - und in Japan noch eine deutsche Besonderheit. Es geht um einen Professor.

Ise-Shima. Vielleicht beschleicht sie ja ein mulmiges Gefühl an diesem Ort. Bevor die Staats- und Regierungschefs zwei Tage über Krisen, Kriege und Konzepte beraten, führt sie Gipfel-Gastgeber Shinzo Abe als erstes zum Heiligtum der japanischen Ur- Religion Shinto: den Ise-Jingu.

Er ist der heiligste aller etwa 80 000 Schreine im Land. Seit mehr als einem Jahrtausend wird hier die Sonnengöttin Amaterasu verehrt - Japans Schutzgottheit.

Die Nachkriegsverfassung schreibt allerdings eine klare Trennung von Staat und Religion vor. Doch der rechtskonservative Premier Abe will der Shinto-Religion, als deren Oberhaupt der Kaiser gilt, wieder mehr gesellschaftliches Gewicht geben. Ein symbolträchtiger - von Kritikern als nationalistisch beklagter - Auftakt des G7-Gipfels in Ise-Shima. Und von Abe vor allem an die eigene Bevölkerung gerichtet. Beim Gipfel selbst werden seine Wünsche weniger erfüllt.

Bei den Treffen dieses westlichen Werteklubs der Industrienationen USA, Großbritannien, Frankreich, Italien, Japan, Kanada und Deutschland geht es meistens um Symbole, Signale, Botschaften. Es ist kein Beschluss-, sondern eher ein Appell-Gremium. Selten gibt es ganz konkrete Ergebnisse, dagegen oft weiche - in der Diplomatensprache „ausbalancierte“ - Formulierungen, damit alle damit leben können, obwohl sie nicht derselben Meinung sind.

So ist es auch für die Abschlusserklärung in Sachen Weltwirtschaft geplant. Abe hätte gern eine größere Bereitschaft der Partner zu schuldenfinanzierten Konjunkturprogrammen gehabt, um das Wachstum anzukurbeln. Aber allen voran Deutschland tritt hier auf die Bremse, um die eigene Haushaltskonsolidierung nicht zu gefährden. So soll nun jede Regierung nach ihren Möglichkeiten für mehr Wachstum sorgen. Das könnte die Kanzlerin schon auf ihrem Rückflug zu den Akten legen.

Merkel wiederum, zuhause wegen der Flüchtlingskrise ungebrochen unter Druck, wird nur recht allgemeine Sätze zur Flüchtlingskrise in das Dokument bekommen. Sie soll als globale Herausforderung begriffen werden. Die G7-Staaten sollen zur Bekämpfung von Fluchtursachen zu mehr Finanzhilfen etwa für Flüchtlingslager und Ernährung in den Krisenregionen aufgefordert werden - im Rahmen der bestehenden Instrumente. Auch das hört sich nach bloßem Formelkompromiss an.

Eigentlich dienen diese Gipfel vielmehr diesem Zweck: Verständnis füreinander und Vertrauen zueinander aufzubauen. Seitdem Russland wegen der Annexion der Krim 2014 aus dem Kreis rausflog und aus G8 wieder G7 wurde, sei das einfacher geworden, heißt es in Gipfel-Kreisen. Andererseits wird es als Problem empfunden, dass Kremlchef Wladimir Putin eben nicht mehr mit am Tisch sitzt. Denn bei großen Krisen wie dem Syrien-Krieg fehlt nun der Dialog im kleinen Kreis mit ihm. Und ohne Russland wird es hier keine Lösung geben.

Wichtig sind noch die Bilder, die von einem solchen Gipfel um die Welt gehen. Wie vor einem Jahr im bayerischen Elmau, als Gastgeberin Merkel mit weitausgebreiteten Armen dem auf einer Bank sitzenden US-Präsident Barack Obama etwas ganz Wichtiges zu erklären schien. Diesmal ist Merkel nicht die Hauptperson und durch die Flüchtlingskrise innenpolitisch so angeschlagen wie selten zuvor.

Der Gipfel ist für sie ein Termin von vielen zwischen der Auseinandersetzung mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan um den Flüchtlingspakt mit der EU, den endlosen Reibereien mit CSU-Chef Seehofer um die Flüchtlingspolitik und den Mühen um eine ergebnisorientierte Arbeit in der Koalition mit der SPD.

Eine ganz andere Besonderheit hat der Gipfel aber noch aus deutscher Sicht. Die Kanzlerin wird von ihrem Mann Joachim Sauer begleitet, dem öffentlichkeitsscheuen Chemieprofessor, der bei keiner der drei Vereidigungen Merkels zur Bundeskanzlerin dabei war und auch noch nie zu einem Gipfel im Ausland mitgekommen ist.

Während seine Frau mit Obama und den anderen über Abes Hauptthema Wirtschaftswachstum berät, fährt Sauer mit den Partnerinnen von Abe, EU-Ratspräsident Donald Tusk und Kanadas Premier Justin Trudeau auf eine Insel. Ise-Shima ist ein Zentrum für industrielle Perlenzucht, es gibt aber auch noch die traditionellen Taucherinnen, die minutenlang, ohne Luft zu holen, im Wasser nach Muscheln suchen können. Joachim Sauer will sie treffen. Warum er sich sonst fern hält, aber in den Fernen Osten mitreist, erfährt man nicht.

Auch Angela Merkel hat bekanntlich einen langen Atem. Und es darf spekuliert werden, dass sie in Japan eine Perle bekommen wird. Von Shinzo Abe oder Joachim Sauer.

dpa

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