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Analyse: Vergiftete Blumen bei den Liberalen

Berlin Analyse: Vergiftete Blumen bei den Liberalen

Die Stimmung im Präsidiumszimmer ist angespannt. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger fasst den Blumenstrauß, den ihr Parteichef Philipp Rösler hinhält, ganz kurz an.

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Die FDP-Spitze ist angespannt. Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Die Stimmung im Präsidiumszimmer ist angespannt. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger fasst den Blumenstrauß, den ihr Parteichef Philipp Rösler hinhält, ganz kurz an.

Äußerst widerwillig. Als seien die Blumen vergiftet, was ja in gewisser Weise auch so ist.

Wer nach einer vernichtenden Wahlpleite wie am Sonntag den Strauß bekommt, ist öffentlich als Verlierer gebrandmarkt. Leutheusser dürfte klar sein, dass ihr als Landeschefin in Bayern der verkorkste Wahlkampf und der Absturz auf 3,3 Prozent angekreidet werden.

Die Bundesjustizministerin schleicht mit betretener Miene zurück an ihren Platz. Das Grünzeug lässt sie demonstrativ bei Rösler. In Partei und Fraktion arbeiten einige daran, dass die Ministerin in einem schwarz-gelben Kabinett nicht mehr dabei wäre.

Aus Leutheussers Umfeld wiederum kommt unverhohlen Kritik am Wahlkampfmanagement im Bund. Wieder habe sich die FDP an die Union gekettet, statt selbstbewusst auch andere Optionen - wie eine Ampel - zu erarbeiten.

Bei einem schwachen Bundesergebnis dürfte auch Spitzenkandidat Rainer Brüderle ins Schussfeld rücken. Sein Wahlkampf sei zu lasch, meint ein Mitglied der erweiterten Führung. Am Sonntag beim Wahlabend war es der 40-jährige Rösler, der die demoralisierten Anhänger in der Parteizentrale laut und leidenschaftlich aufrichtete. Der 68-jährige Brüderle wirkte matt, der Applaus für ihn fiel ebenso aus.

Hinter den Kulissen spielen die Führungsleute längst Schlachtpläne und Allianzen durch, für die Zeit nach dem 22. September. Wenn es aber am Sonntag ganz schlimm kommt, gibt es gar nichts mehr, was man verteilen kann. Wolfgang Kubicki bringt es in der Vorstandssitzung auf den Punkt. Der Nimbus, schlechte Umfragen in Top-Wahlresultate zu drehen wie in Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen, sei seit Sonntag zerstört. Brüderle sagt später bei der Pressekonferenz: „Kämpfen muss man immer, wir hatten nie die Einstellung, das sei sicher, das ist schon im Kasten.“

Heftig wird im Vorstand über den neuen Aufkleber „Jetzt geht's ums Ganze“ für die Plakate diskutiert. Damit will die FDP möglichst viele Zweitstimmen mobilisieren. Kubicki sieht den Spruch kritisch. Die FDP dürfe nicht um Zweitstimmen der Union betteln, sondern müsse selbstbewusst eigene Inhalte verkaufen.

Auch andere warnen, sich nach dem Bayern-Schock zu klein zu machen, nur auf das Funktionsargument oder Mitleid zu hoffen. So wird die Rhetorik vom Sonntagabend, als Brüderle pathetisch die Verdienste des Liberalismus hervorhob und bei den Deutschen um einen Platz für die FDP im Parlament warb, am Montag nicht wiederholt.

Die Frage ist, wie stark die Liberalen in den nächsten Tagen mit ihrer Warnung vor Steuererhöhungen und Rot-Rot-Grün durchdringen können. Monate wurden vertan, anstatt echte Alleinstellungsmerkmale herauszuarbeiten. Wichtig werden die Umfragen zur Wochenmitte. Gibt es dann eine realistische Machtperspektive für Schwarz-Gelb, könnte das der FDP helfen. Ende der Woche verschickt sie Postkarten an über vier Millionen Haushalte. Auch Unternehmer wollen Anzeigen schalten.

Im ganzen Land umgarnt die Partei nun CDU/CSU-Direktkandidaten.

Es geht um etwa 80 hart umkämpfte Wahlkreise, wo Absprachen einen knappen Sieg für Schwarz-Gelb sichern sollen. So machen es Guido Westerwelle in Bonn, Daniel Bahr in Münster und Dirk Niebel in Heidelberg vor. Zum Widerstand aus der CDU-Spitze, die mit Blick auf eine große Koalition nichts an die FDP verschenken will, meint Niebel: „Das ist nicht mein Problem.“

Das veränderte Wahlrecht, das Überhangmandate ausgleicht, macht den Schwachpunkt dieses Deals deutlich. Er würde der FDP mehr helfen als der CDU. Es sei denn, es profitieren aus Eigeninteresse Unionsleute, die nicht über die Liste abgesichert sind. Brüderle plagen derweil keine Existenzängste: „Um mein Schicksal brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, ich hab' einen guten Platz auf der Landesliste.“ Dafür muss die FDP am Sonntag aber erst einmal in den Bundestag kommen.

dpa

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