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Brennpunkte Dachau-Prozess: Witwe wendet sich an Angeklagten
Nachrichten Brennpunkte Dachau-Prozess: Witwe wendet sich an Angeklagten
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19:21 22.11.2012
Der wegen Mordes an einem jungem Staatsanwalt Angeklagte liegt in einem Krankenbett im Gerichtssaal. Quelle: Frank Leonhardt
München

Im Mordprozess um tödliche Schüsse im Dachauer Amtsgericht haben sich die Angehörigen des Opfers mit emotionalen Worten an den Angeklagten gewandt. Die Staatsanwältin verlangt lebenslang, der Verteidiger will vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen.

Beim Todesschützen soll nach dem Willen der Staatsanwaltschaft außerdem müsse die besondere Schwere der Schuld festgestellt werden, um eine vorzeitige Entlassung zu verhindern, forderte die Anklägerin Nicole Selzam am Donnerstag vor dem Landgericht München. Der 55-Jährige habe den jungen Staatsanwalt „kaltblütig ermordet“.

Die Verteidigung schloss sich der Forderung im Wesentlichen an, eine besondere Schwere der Schuld sieht sie aber nicht. Die Witwe des Getöteten wandte sich im Gerichtssaal direkt an den Angeklagten. „Sie haben ihn mir genommen und warum? Sie kannten Tilman gar nicht“, sagte sie. „Er hat nur seine Arbeit gemacht.“ Das Urteil soll am 29. November verkündet werden.

Am 11. Januar dieses Jahres hatte der insolvente Transportunternehmer den 31 Jahre alten Staatsanwalt im Gerichtssaal erschossen und mehrere Schüsse auf die Richterbank abgefeuert. Kurz zuvor war er wegen nicht bezahlter Sozialversicherungsbeiträge zu einer Bewährungsstrafe und zur Zahlung von rund 1000 Euro für einen gemeinnützigen Zweck verurteilt worden. Den Prozess verfolgt der schwer kranke Angeklagte vom Krankenbett aus. Wegen einer Blutvergiftung waren ihm beide Beine abgenommen worden.

Wenn der Mann die Möglichkeit dazu hätte, sei ein weiterer „Rachefeldzug gegen die Justiz“ nicht auszuschließen, sagte Staatsanwältin Selzam. Sie sprach von „absolutem Vernichtungswillen“ und forderte eine Verurteilung wegen Mordes und versuchten Mordes.

Er wolle der Familie des Opfers einmal sagen, dass es ihm leidtue als Mensch, sagte der Angeklagte. „Ich kann nicht mehr sagen.“ Im Münchner Mordprozess habe er sein Opfer erstmals als Menschen und nicht nur als Vertreter der Justiz wahrgenommen, betonte sein Pflichtverteidiger Wilfried Eysell.

Der Wahlverteidiger Maximilian Kaiser hatte sich wiederholt mit dem Gericht und auch mit Eysell angelegt. Vertreter der Nebenklage warfen Kaiser „unwürdiges Schmierentheater“ und fehlenden Respekt vor der Opferfamilie vor. „Ich stimme zu 90 Prozent den Ausführungen der Frau Staatsanwältin zu“, sagte Kaiser und stellte keine konkrete Forderung.

Allerdings kündigte er an, vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg zu ziehen. Sein Mandant sei „menschenunwürdig“ behandelt worden, man habe ihn zur lebensrettenden Amputation seines zweiten Beines gezwungen. „An rechtsstaatlichen Gesichtspunkten habe ich in diesem Verfahren nicht viel gesehen.“

Kaisers Auftreten vor Gericht hatte immer wieder Unverständnis bei Prozessbeteiligten ausgelöst. So hatte der Anwalt im Laufe der Verhandlung wutentbrannt den Gerichtssaal verlassen, weil die Kammer ihn nicht zum Pflichtverteidiger seines insolventen Mandanten machen wollte und seine Bezahlung damit nicht gesichert ist. Am Mittwoch hatte er noch eine Vielzahl von Anträgen eingebracht - darunter einen auf Einstellung des Verfahrens wegen eines Verfahrensfehlers. Dieser wurde am Donnerstagmorgen abgewiesen.

Die Witwe sagte, es interessiere sie nicht, ob der Angeklagte ein schweres Leben habe oder gehabt habe. „Sie haben sich entschlossen, an diesem Tag im Januar eine Waffe in den Gerichtssaal zu bringen“, sagte sie zu ihm. „Mit den Entscheidungen, die Sie getroffen haben, haben Sie mein Leben ruiniert.“

Die Eltern des getöteten Staatsanwaltes meldeten sich am Donnerstag ebenfalls zu Wort. Sie gingen auch hart mit der bayerischen Justiz ins Gericht. Ihr Sohn sei „ein beklagenswertes Opfer der bayerischen Justiz“, sagte die Mutter. „Ein Metalldetektor hätte Tilman das Leben gerettet.“ So aber wurde „die schwarze Robe, die er so stolz war tragen zu dürfen, sein Todeskleid“.

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