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Der Tag nach der Attacke

Oersdorf Der Tag nach der Attacke

Nach dem hinterhältigen Angriff auf den Bürgermeister sucht die Gemeinde nach Antworten auf die brutale Tat.

Quelle: Lutz Roeßler

Oersdorf. „Refugees welcome“, „Flüchtlinge willkommen“, steht auf einem sonnengebleichten Plakat, das in einem gläsernen Schaukasten am Gemeindehaus hängt. Teilweise verdeckt wird es von einem Aushang von Bürgermeister Joachim Kebschull über die Absage von zwei Sitzungen des Bauausschusses am 7. und 21. Juli. Von Drohungen gegen Gemeindehaus und Feuerwehr ist darin die Rede, von „ausländerfeindlichen Parolen, nationalistischen Formulierungen und gezielten Androhungen von Gewalttaten“.

Keine leeren Drohungen, wie man in der 900-Einwohner-Gemeinde seit Donnerstagabend weiß. Obwohl die Sitzung des Bauausschusses wegen der Anfeindungen unter Polizeischutz stattfand, hatte ein Unbekannter Kebschull aufgelauert und ihn hinterrücks mit einem Knüppel niedergeschlagen, als der seinen Laptop aus dem Kofferraum holen wollte.

Am Tag danach ist in Oersdorf alles anders. Während sich der 61-Jährige in einem Krankenhaus von der Gehirnerschütterung erholt, haben sich Dutzende Medienvertreter und Politiker aus Oersdorf und seinen Nachbardörfern vor dem Gemeindehaus versammelt. „Unfassbar“ ist ein Wort, das dabei immer wieder fällt. „So etwas bei uns, in einer kleinen Gemeinde, das hätte ich nie für möglich gehalten“, sagt auch Lena Exler, die einen Kinderwagen an dem ungewohnten Trubel vorbeischiebt. Eigentlich sei die Atmosphäre im Dorf immer gut gewesen, „aber in den letzten Monaten ist das anders geworden“, erzählt die junge Mutter. Vor allem auf den Sitzungen der Gemeinde habe „eine aggressive Stimmung geherrscht“.

Grund dafür ist das alte Bauernhaus in der Dorfstraße 5, das die Gemeinde während der Hochzeit der Flüchtlingskrise Ende 2015 für rund 200 000 Euro angekauft hatte, um Wohnraum für Flüchtlinge zu haben. Um das Gebäude bewohnbar zu machen, hätten aber noch einmal bis zu 700 000 Euro investiert werden müssen. „Das ist alles hinter verschlossenen Türen abgelaufen und hat viele im Ort wirklich wütend gemacht“, erklärt Günter Heunecke, früherer Gemeindevertreter von der SPD. „Zumal die Gemeinde kein Geld hat.“ Die „grauenvolle Attacke auf den Bürgermeister“ könne damit niemals gerechtfertigt werden, ergänzt der 68-Jährige schnell, um nicht missverstanden zu werden. Aber das mit dem Haus sei alles nicht gut gelaufen. Zwar sei von Wohnungen für Flüchtlinge zuletzt gar nicht mehr die Rede gewesen, das Thema habe im Ort aber sehr polarisiert. „Man konnte nicht mehr sachlich darüber diskutieren, es gab nur dafür oder dagegen“.

Eine ältere Dame, die in der Nähe des Bürgermeisters wohnt und lieber anonym bleiben will, geht noch einen Schritt weiter. „Hier hat es immer Nazis gegeben, alte Nazis, in Kaltenkirchen haben die sich immer getroffen. Jahrelang weiß man das, aber niemand hat sich darum gekümmert.“ Dass jetzt so etwas passiert sei, „darf niemanden wundern“, sagt die Seniorin.

Tatsächlich hatten sich 2012 NPD-Mitglieder in der benachbarten Amtsgemeinde Kisdorf versammelt, und bei der Landtagswahl 2012 hatten immerhin zehn Einwohner für die NPD gestimmt. Ob das eine mit dem anderen aber zu tun hat, ist pure Spekulation. Auch die Polizei will andere Motive als Rassismus und Fremdenfeindlichkeit derzeit noch nicht ausschließen.

Vor dem Gemeindehaus fährt eine schwarze Limousine vor. Innenminister Stefan Studt kommt. Ohne ein Wort an die Journalisten verschwindet er im von Polizisten bewachten Gemeindehaus. Fast eine Stunde spricht der SPD-Politiker hinter verschlossenen Türen mit Gemeindevertretern und tritt erst dann vor die Presse. Dem verletzten Joachim Kebschull wünscht er gute Besserung, bedankt sich für die Solidarität der anwesenden Kommunalpolitiker und fährt dann fort: „So etwas darf hier einfach nicht passieren.“ Der Staatsschutz ermittele mit Hochdruck und werde einen Verantwortlichen finden. Schleswig-Holstein müsse und werde ein Land bleiben, „in dem Menschen sich politisch engagieren können, ohne Angst zu haben“. Einen vergleichbaren Fall habe es bisher nicht gegeben. Dass ein Täter zugeschlagen hat, obwohl die Polizei in der Nähe war, sei aber beunruhigend.

Beunruhigend ist auch die Droh-Mail, die der früherer Oersdorfer Bürgermeister Wilfried Mündlein am Morgen nach dem Überfall im Postfach der Gemeinde gefunden hat. Ob sie vom Täter und von dem Mann stammt, ist unklar. „Zuvor sind die Drohungen immer mit der Post gekommen“, sagt Mündlein und liest aus der Mail vor: „Wer jetzt noch immer nicht hören will, wird bestimmt wieder fühlen. Aus Knüppel wird Hammer, aus Hammer wird Axt“, zitiert er den anonymen Verfasser. Der kurze Text schließt mit den wirren Worten „Knüppel >Hammer >Axt >Aua.“ Mündlein: „Wer so etwas schreibt, hat ganz gewaltig Aua am Kopf.“

Von Oliver Vogt

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