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Der immerwährende Außenminister

Nachruf Der immerwährende Außenminister

Wenn der Außenminister im Kreise von Getreuen etwas Bedeutsames mitzuteilen gedachte, dann senkte er die ohnehin schon sonore Stimme noch einmal um eine halbe Oktave, legte die Stirn in noch mehr als die üblichen 13 Falten und überlegte dreimal, bevor er nichts sagte.

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Quelle: JOHN MACDOUGALL /afp

Das heißt, Hans-Dietrich Genscher redete schon. Aber seine Worte waren so abgewogen, so eingebettet in jede mögliche Betrachtungsweise, dass leicht der Eindruck entstehen konnte: Der Diplomat der alten Schule hat seine Meinung kundgetan. Eine klare Haltung bleibt dennoch verborgen.

Dieser Stil des vagen Offenhaltens, des Absicherns nach allen Seiten, trägt in der Welt der Diplomatie bis heute seinen Namen. Der Genscherismus mag zunächst einen wenig guten Klang gehabt haben, heute sprechen Außenpolitiker durchaus mit Respekt von der unnachahmlichen Art des früheren deutschen Chefdiplomaten. Dieser Wandel im Ansehen mag damit zusammenhängen, dass Genschers Berufung ins Auswärtige Amt unter keinem glücklichen Stern stand, dann aber in der Zeit der „Zwei plus Vier“-Verhandlungen eine weltpolitische, ja historische Bedeutung gewann.

Der Liberale war vor seiner Zeit im Außenamt ein Innenminister ohne Fortune gewesen. Der Tiefpunkt dieser Amtsjahre war zweifellos das Attentat palästinensischer Terroristen auf die israelische Olympiamannschaft von München 1972 und dort vor allem die Katastrophe von Fürstenfeldbruck. Beim  gescheiterten Versuch der Geiselbefreiung kamen 17 Menschen ums Leben. Und  1982, als Genscher gemeinsam mit Helmut Kohl den beliebten Kanzler Helmut Schmidt stürzte, hat er umgehend das Etikett „Wendehals“ angehängt bekommen. Das überwiegend sozialliberal eingestellte Bonner Pressekorps verulkte Kohls Außenminister nach Kräften: „Das ist neues deutsches Außenminister. Nix sprechen englisch. Nix sprechen französisch.“

Es dauerte fast ein Jahrzehnt, aber dann lagen die von einer gewissen Arroganz nicht ganz freien diplomatischen Korrespondenten dem im Privaten gnitzig-witzigen Hallenser förmlich zu Füßen. Wer während der nächtlichen Besprechungen auf den Atlantikflügen im Mittelabteil des Regierungsfliegers zu Füßen des Meisters sitzen durfte, fühlte sich geadelt. In der deutschen Außenpolitik, das muss man dabei stets in Erinnerung haben, ist zu dieser Zeit nicht allzu viel los gewesen – das geteilte Deutschland war nicht wirklich souverän, seine Stimme im Kreis der Mächtigen nicht gefragt, ein Verlangen nach militärischen Einsätzen undenkbar.

Deutsche Außenpolitik, das war in der Bonner Ära etwas für politische Feingeister. Genscher hat es schnell verstanden, diese Sorte Politiker und Korrespondenten um sich zu scharen und auf seinen Stil einzuschwören. Als Jahrzehnte später der ehemalige Straßenkämpfer Joseph Martin „Joschka“ Fischer ins Amt kam, beklagten sich er und seine Leute noch gelegentlich, sie seien von Genscheristen umgeben.

Kein Minister nach Gustav Stresemann hat dieses Amt so stark geprägt wie der Hallenser Genscher. Dies und der sichtbare Fleiß, vielleicht genauer: die Umtriebigkeit Genschers im Amt, haben das Renommee des Liberalen langsam, aber beharrlich gesteigert. In den Bonner Jahren war „Das Ohr“ einer der am meisten begehrten Hintergrundkreise – worauf sich der Namen bezog, war für jeden sichtbar. Die großen Ohren Genschers waren für die Karikaturisten seiner Zeit ein Geschenk.

„Über dem Atlantik begegnen sich zwei Flugzeuge. In beiden sitzt Genscher.“ Es war ein beliebtes Bonmot damals. Zweierlei spiegelt es: die scheinbare Fähigkeit dieses Außenministers, überall zugleich zu sein, aber auch das Bild der Atlantikbrücke. Ohne die Verbundenheit mit den Vereinigten Staaten von Amerika geht in Europa nichts. Als das Satiremagazin „Titanic“ Genscher im Kostüm von Superman als „Genschman“ aufs Titelbild nahm, begründete es einen Kult.

Umso tiefer hat es Genscher getroffen, dass im Zuge der Wiederherstellung der deutschen Einheit ausgerechnet aus den USA Verdächtigungen aufkamen, dem Diplomaten Genscher sei nicht zu trauen, er sei zu weich. Genscherismus verkam zum Schimpfwort, was den Träger des Namens freilich nicht beirren konnte. Er erkannte schon im Jahr 1987, zwei Jahre vor dem Mauerfall und lange vor Helmut Kohl, die Bedeutung des sowjetischen Reformers Michail Gorbatschow. Und er nahm den Russen ernst. Was als deutsche Schaukelpolitik zwischen Ost und West lange geschmäht wurde, zahlte sich nun aus als eine gute Grundlage für vertrauensbildende Maßnahmen. Hans-Dietrich Genscher selbst war nicht mehr und nicht weniger als die Personifizierung einer vertrauensbildenden Maßnahme.

Die turbulente Zeit der Wiedervereinigung verschaffte Genscher bei all der notwendigen diplomatischen Kärrnerarbeit jener Monate von Herbst 1989 bis zum 3. Oktober 1990 den emotionalen Höhepunkt seines politischen Lebens. Es ist der berühmteste Halbsatz der jüngeren deutschen Geschichte, der auf immer mit ihm verbunden sein wird, gesprochen am 30. September 1989 auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ...“ Weiter ließen die 4500 Bürger der DDR den Westpolitiker nicht kommen. Der Rest ging unter in grenzenlosem Jubel.

Was auf den Fall der Mauer folgte, war, wie gesagt, politische Kärrnerarbeit. Also eher die Sache von Genscher als von Kanzler Kohl. Bei den „Zwei plus Vier“-Verhandlungen, bei der außenpolitischen Absicherung der Einheitsverträge unter Einbeziehung der vier Siegermächte des Zweiten Weltkrieges, schleppte Genscher die Kollegen Außenminister einen nach dem anderen in seine Geburtsstadt Halle an der Saale, lud sie ein ins Händelhaus, zu Cembalokonzert, Mittagessen, Gesprächen. Genscher verstand sich aufs Menschliche – mit dem damaligen sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse reiste er nach Brest-Litowsk. In der Stadt des russisch-deutschen Separatfriedens von 1917 kamen sich die beiden näher. Damals, auf dem Rückflug mit den Korrespondenten zu Füßen, verriet er einen Grundsatz seiner Politik: Er versuche immer, sich in die Schuhe des anderen zu stellen. Es gehe nicht darum, ihn zu verdrängen, sondern seinen Standpunkt zu verstehen. Ihn also nicht zu besiegen, sondern ihn zu gewinnen.

Im Mai 1992 trat Genscher zurück, nach 18 Jahren auf der diplomatischen Weltbühne. Über die Gründe für den frühen Amtsverzicht, mit 65 Jahren, ist viel gerätselt worden. Vielleicht ist dem alten Fuchs klar geworden, dass der Stil der Außenpolitik in einem vereinigten, souveränen Deutschland ein anderer sein müsste, als er ihn pflegte. Die politische Bühne hat Genscher damals nicht verlassen. Von Bonn aus, wo er mit seiner Frau Barbara wohnen blieb, hat er sich noch häufig zu Wort gemeldet. Es hat seinen Grund, dass der amtierende Amtschef Frank-Walter Steinmeier ihn zum „immerwährenden Außenminister“ geadelt hat.

Am Donnerstag ist Hans-Dietrich Genscher an Herz-Kreislauf-versagen gestorben. Er wurde 89 Jahre alt.

Von Reinhard Urschel

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