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Franziskus fordert neuen Humanismus in Europa

Franziskus fordert neuen Humanismus in Europa

Der Papst war auf der italienischen Flüchtlingsinsel Lampedusa, von der griechischen Insel Lesbos nahm er drei syrische Migrantenfamilien mit in den Vatikan. Der Argentinier zeigt, was Nächstenliebe und Solidarität sind - und wendet sich mit einer Botschaft an Europa.

Rom (dpa) - Karlspreisträger Papst Franziskus hat Europa in der Flüchtlingskrise zu einem neuen Humanismus und einer Rückkehr zu den Idealen der Gründerväter aufgerufen. Er träume „von einem Europa, in dem das Migrantsein kein Verbrechen ist“.

Er träume von einem Europa, das die Rechte der Einzelnen fördert und schützt, ohne die Verpflichtungen gegenüber der Gemeinschaft außer Acht zu lassen, sagte das Kirchenoberhaupt nach der Verleihung der Auszeichnung im Apostolischen Palast im Vatikan. „Ich träume von einem Europa, von dem man nicht sagen kann, dass sein Einsatz für die Menschenrechte an letzter Stelle seiner Visionen stand.“ Die Zuhörer im Vatikan erhoben sich und applaudierten.

Franziskus erhielt den renommierten Aachener Karlspreis in der Sala Regia des Vatikans für seine Verdienste um Europa. Normalerweise wird die Auszeichnung in Deutschland verliehen, aber für den Papst war eine 500-köpfige Delegation nach Rom gereist. Im Aachener Krönungssaal verfolgten Hunderte die Zeremonie auf Leinwand.

An den Feierlichkeiten in Rom nahmen Bundeskanzlerin Angela Merkel, EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, EU-Ratspräsident Donald Tusk und EZB-Chef Mario Draghi sowie der spanische König Felipe VI. teil.

Die Idee Europas müsse „aktualisiert werden, forderte der Papst. Bei der Integration reiche die bloße geografische Eingliederung der Menschen nicht aus. „Das Gesicht Europas unterscheidet sich nämlich nicht dadurch, dass es sich anderen widersetzt, sondern dass es Züge verschiedener Kulturen eingeprägt trägt und die Schönheit, die aus der Überwindung der Beziehungslosigkeit kommt.“

Der Papst erinnerte an die Gründerväter Europas und deren Ideale. „Sie hatten die Kühnheit, nicht nur von der Idee Europa zu träumen, sondern wagten, die Modelle, die bloß Gewalt und Zerstörung hervorbrachten, radikal zu verändern“, sagte er. „Die Pläne der Gründerväter, jener Herolde des Friedens und Propheten der Zukunft, sind nicht überholt: Heute mehr denn je regen sie an, Brücken zu bauen und Mauern einzureißen“, betonte Franziskus.

Der Papst forderte mit Blick auf Migranten und Fremde eine „Kultur des Dialogs“. Auch müssten neue Wirtschaftsmodelle gesucht werden, „die in höherem Maße inklusiv und gerecht sind“.

Vor der Verleihung kam der Papst in getrennten Privataudienzen mit Merkel und den EU-Spitzen zusammen. Es war das vierte persönliche Treffen des katholischen Kirchenführers mit der Bundeskanzlerin. Franziskus überreichte Merkel einen Friedensengel. Die protestantische CDU-Politikerin bedankte sich und sagte: „Den können wir gut gebrauchen in Europa.“ Auch Schulz, Juncker und Tusk trafen Franziskus bei einer Privataudienz.

Merkel würdigte die Rede des Papstes als „Ermutigung“ und „klare Botschaft“. Er habe die Europäer aufgefordert, drei Dinge zu beachten: „Die Fähigkeit zum Dialog, die Fähigkeit zur Integration und die Fähigkeit, etwas hervorzubringen“, sagte Merkel nach dem Festakt in Rom. „Ich glaube, das Hervorbringen (...), das ist Auftrag für uns, zu handeln, Europa zusammenzuhalten.“

EU-Parlamentspräsident Schulz sprach mit Blick auf die Flüchtlingskrise von einer „epochalen Herausforderung“. Gleichzeitig erlebe Europa eine Solidaritätskrise, in der die gemeinsame Wertebasis des Kontinents ins Wanken gerate. Es sei deshalb Zeit, für Europa zu kämpfen. „Papst Franziskus macht uns Hoffnung, dass dies gelingen kann“, sagte er.

Juncker lobte, Franziskus lebe vor, „dass Solidarität und Nächstenliebe nicht nur wohlklingende Worte sind, sondern Werte, die uns immer wieder aufs Neue zu Haltung und Handeln verpflichten“. Nach den Worten von Tusk steht der Argentinier auch für eine neue Vision der Kirche. „Eine Kirche, die auf Prunk verzichtet, um den Armen zu helfen; eine Kirche, die in ihrer Liebe radikal ist und das urteilen Gott überlässt.“

Der Aachener Oberbürgermeister Marcel Philipp betonte, der Papst aus Südamerika sei für den schwierigen Weg Europas „ein großes Glück“, denn er schaue „mit dem Blick der südlichen Hemisphäre auf Europa“. Der Pontifex sehe „klar und ohne den Wohlstandsschleier als oberster Hirte der weltweiten Gemeinschaft der katholischen Kirche unseren verzerrten und in Widersprüche verstrickten Kontinent“.

Franziskus ist der erste Papst, der mit dem regulären Karlspreis ausgezeichnet wurde. Johannes Paul II. hatte 2004 - ebenfalls in Rom - einen außerordentlichen Karlspreis für sein Lebenswerk erhalten. Der Vorsitzende des Karlspreisdirektoriums, Jürgen Linden, überreichte dem Papst eine Urkunde und eine Medaille.

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