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Grundschüler sacken ab: Schülertest sorgt für Ratlosigkeit

«Ergebnisse sind ernüchternd» Grundschüler sacken ab: Schülertest sorgt für Ratlosigkeit

Daumen runter für Deutschlands Viertklässler: In Kerndisziplinen sind ihre Leistungen im Schnitt schlechter geworden. Guter Rat ist teuer.

Mehr als jeder zehnte Viertklässler erreicht beim Lesen und beim Zuhören bundesweit keine Mindeststandards.

Quelle: Felix Kästle/symbolbild

Berlin. Susanne Eisenmann ist nicht zu beneiden. Als Vorsitzende der Kultusministerkonferenz (KMK) muss sie das Absacken der Leistungen der Grundschüler bewerten.

Die Studie IQB-Bildungstrends im Auftrag der KMK hat ergeben, dass die Viertklässler in Mathematik, beim Zuhören und in Rechtschreibung binnen fünf Jahren in Deutschland im Schnitt schlechter geworden sind. Besonders deutlich gesunken sind die Leistungen aber in Eisenmanns Heimat Baden-Württemberg.

„Die Ergebnisse sind ernüchternd“, sagt sie. „Insgesamt ist der Gesamtabfall für Baden-Württemberg...“, fügt die dortige CDU-Bildungsministerin etwas später hinzu und sucht erstmal nach Worten, „...mehr als ernüchternd“. Als dann auch noch jemand fragt, welches Bundesland als Vorbild dienen könnte, raunt Eisenmann, ihres wohl nicht. Der neben ihr sitzende Hamburger Bildungssenator Ties Rabe (SPD) fasst Eisenmann tröstend an den Arm. Sein Stadtstaat schneidet im Fünf-Jahres-Vergleich deutlich besser ab.

In vielen Tabellen zeigen die Bildungsforscher des Berliner Instituts IQB auf, wo die Reise bei Deutschlands Grundschülern zuletzt hinging: Deutschlandweit sank der Anteil der Kinder, die bestimmte Regelstandards erreichen oder übertreffen, seit 2011 beim Zuhören und bei der Rechtschreibung. Am stärksten ging der Wert für das Zuhören im Südwesten und Sachsen-Anhalt zurück - um zehn Prozent und damit etwa doppelt so stark wie deutschlandweit. Bei der Rechtschreibung ging der Anteil bundesweit um ebenfalls zehn Prozent zurück, Angaben zu den Bundesländern macht die Studie nicht. Der Anteil der Kinder, die den niedrigeren Mindeststandard beim Zuhören nicht erreichen, ging besonders in Bremen und Baden-Württemberg hoch - deutschlandweit um rund drei Prozent. Nur Schleswig-Holstein verbesserte sich hier.

Bei Mathe sieht es nicht viel besser aus: Der Anteil derer, die den Regelstandard schaffen, sank bundesweit um sechs Prozent - am stärksten sank er in Baden-Württemberg, nämlich um zehn Prozent. Kleinere Rückgänge gibt es auch in Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt.

Mehr als jeder zehnte Viertklässler erreicht beim Lesen und beim Zuhören bundesweit keine Mindeststandards, mehr als jeder fünfte in Rechtschreibung, 15,4 Prozent in Mathe. Beim Ist-Zustand liegt der Südwesten in etwa im Bundesschnitt, Ausreißer nach unten: Bremen und Berlin. Deutlich besser als bundesweit: durchgängig Bayern.

Warum ist das Niveau gesunken? Die Studienautorin Petra Stanat beugt vor. Ihre Ergebnisse könnten „nur bedingt Erklärungen liefern“. Aber der gestiegene Migrantenanteil fällt auf. Die höchsten Anteile gibt es mit über 40 Prozent in Berlin, Bremen und Hamburg sowie in Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen. Vor allem bei den in Deutschland geborenen Kindern aus Migrantenfamilien stiegen die Anteile. Sie gingen immer hier zur Schule. Stanat meint: „Vieles, was wir da an Benachteiligung sehen, ist eine soziale Benachteiligung.“

Die Kinder, die als Flüchtlinge 2015 gekommen sind, sind noch gar nicht in der Studie erfasst. Wird sich das bei einer nächsten Erhebung nochmals negativ auf das Niveau der Viertklässler auswirken? Das glaubt Stanat eher nicht. „Es sind zwar viele gekommen, aber wenn man das herunterbricht auf eine Jahrgangsstufe gar nicht so viele.“

Die Minister und Experten weisen auf die für die Schulen steigenden Anforderungen auch durch die Zuwandererkinder hin. Wenn man Lehrer fragt, was sie jetzt am wichtigsten finden, sagen sie laut Stanat: individuelle Förderung und Umgang mit Heterogenität.

Einige Länder brächten Kinder mit Zuwanderungsgeschichte eher zu guten Leistungen als andere, meint der Deutschen Philologenverband. Verbandschef Heinz-Peter Meidinger fordert eine ausgewogene Verteilung in den Klassen - „insbesondere dann, wenn es sich um Kinder handelt, bei denen zuhause kein Deutsch gesprochen wird“.

Klar ist: Der wachsende Lehrermangel untergräbt alle Therapieversuche, die mit besonderer Förderung zu tun haben. „Ohne ausreichend Lehrer kann es keinen Bildungserfolg geben“, sagt Rabe. Da hört es sich eher zurückhaltend an, was die KMK dazu jetzt beschlossen hat: Etwa Möglichkeiten länderübergreifender Werbeaktionen für ein Lehramtsstudium sollen geprüft werden.

Ausbildungsplatzkapazitäten sollen erhöht, Zugangsschwellen für den Lehrerberuf gesenkt werden. „Die Ergebnisse des IQB-Bildungstrends erinnern an den PISA-Schock 2001“, mahnt der Grünen-Bildungsexperte Kai Gehring. Er fordert eine „neue Kooperationskultur zwischen Bund, Ländern und Kommunen“. Für Schlagzeilen sorgte allerdings zuletzt eher eine Konkurrenz-Aktion des Berliner Senats, der am Frankfurter Hauptbahnhof per Plakat um Lehrer für die Hauptstadt werben wollte.

An guten Ratschlägen mangelt es nicht, gemischt mit einer Portion Ratlosigkeit auf den neuen IQB-Schreck. Katastrophal seien die Ergebnisse aber nicht, meint Stanat. Und dass das Niveau beim Lesen stabil ist, wertet KMK-Präsidentin Eisenmann angesichts veränderter Schülerschaft als „positives Ergebnis“. Viele wollen dann in der KMK-Geschäftsstelle in Berlin-Mitte immer noch mehr wissen von der Ministerin aus dem Ländle. Irgendwann ist der Fragebedarf erschöpft. Eisenmann auch. „Jetzt reicht es dann auch mal“, meint sie zuletzt.

dpa

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