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Höcke und das „liebe Volk“ - Skandalrede zeigt AfD-Dilemma

Analyse Höcke und das „liebe Volk“ - Skandalrede zeigt AfD-Dilemma

Heimspiel für Höcke: In Dresden fordert der Thüringer AfD-Politiker eine erinnerungspolitische 180-Grad-Wende und prangert die deutsche Schuld-Kultur nach Krieg und Holocaust an. Was bundesweit großes Entsetzen auslöst, begeistert die Zuhörer in der Pegida-Hochburg.

Dresden. Im altehrwürdigen Dresdner Ballhaus Watzke trifft Björn Höcke genau den Nerv. Die gut 500 Zuhörer bekommen von dem Thüringer AfD-Rechtsaußen das zu hören, was ihnen die Junge Alternative in der Einladung versprochen hat: „Deftige Hiebe auf den politischen Gegner“ - und ein Bild von deutschem Stolz und deutscher Schuld, das vielen in der Republik den Kragen platzen lässt. Auch AfD-Chefin Frauke Petry.

Höcke bedient die Erwartungen in der Pegida-Hochburg und spielt am Tag des in Karlsruhe gescheiterten NPD-Verbots mit Tabus und nationalistischen Klischees. Die Stimmung im Saal kocht, als der Geschichtslehrer den Deutschen den Gemütszustand eines „brutal besiegten Volkes“ attestiert, die Vergangenheitsbewältigung und mithin auch das Holocaust-Gedenken als lähmend und „dämlich“ bezeichnet und eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ fordert.

Auch das Holocaust-Mahnmal in Berlin scheint nicht in sein Bild von der deutschen Geschichte zu passen: „Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat“, sagt er und fordert: „Wir brauchen eine Erinnerungskultur, die uns vor allen Dingen und zu allererst mit den großartigen Leistungen der Altvorderen in Berührung bringt.“

Insgesamt stehe das Schicksal der Nation auf dem Spiel. „Unser liebes Volk ist im Inneren tief gespalten und durch den Geburtenrückgang sowie die Masseneinwanderung erstmals in seiner Existenz tatsächlich elementar bedroht“, warnt Höcke, der soziale Frieden sei „durch den Import fremder Völkerschaften“ gefährdet.

Schuld seien die „Apparatschiks“ der Altparteien, allen voran Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die sich weder in „Habitus“ noch ihrer „floskelhaften Phraseologie“ von dem früheren DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker unterscheide.

Das zieht - auch weil sich Höcke zu Pegida bekennt, indem er Dresden als die Hauptstadt der „Mutbürger“ bezeichnet, die den Titel Hauptstadt deshalb viel mehr verdiene als Berlin. Immer wieder wird seine Rede durch stehenden Beifall und Rufe wie „Wir sind das Volk“, „Ausmisten“ und „Höcke, Höcke“ unterbrochen.

Schon mehrfach hat Höcke Reden gehalten, in denen er mit historischen Anspielungen bewusst provozierte. Und auch die wohl gut kalkulierten Tabubrüche von Dresden führen zu den erwartbaren Reaktionen.

Die Linken werfen ihm „Nazi-Diktion“ vor und wollen Strafanzeige wegen Volksverhetzung erstatten. SPD-Chef Sigmar Gabriel lief es beim Anhören der Rede nach eigenem Bekunden kalt den Rücken herunter, besonders weil sein Vater „bis zu seinem Tod ein unverbesserlicher Nazi war“. Nach Meinung des Zentralrats der Juden in Deutschland zeigt die AfD „mit diesen antisemitischen und in höchstem Maße menschenfeindlichen Worten ihr wahres Gesicht“.

Die Rede Höckes gibt einen Vorgeschmack auf den Bundestagswahlkampf der Rechtspopulisten und zeigt zugleich das Dilemma der AfD. Vor allem im Osten Deutschlands kann sie am rechten Rand punkten. Allerdings läuft sie damit zugleich auch Gefahr, das bürgerliche Lager zu verlieren, auf das sie in den alten Bundesländern angewiesen ist.

Parteichefin Frauke Petry sieht Höcke „mit seinen Alleingängen und ständigen Querschüssen“ so denn auch als „Belastung“. Die AfD müsse sich entscheiden, ob sie den Weg der Republikaner gehen wolle oder den anderer erfolgreicher Parteien wie der FPÖ, sagt sie der Wochenzeitung „Junge Freiheit“. „Wir werden Realisten sein oder politisch irrelevant werden“, warnt Petry.

dpa

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