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Katalanen: „Wir haben Spanien satt“

Analyse Katalanen: „Wir haben Spanien satt“

Katalonien steuert auf einen Frontalzusammenstoß mit Ansage zu. Wenn Regionalregierungschef Puigdemont die Unabhängigkeit erklären sollte, wird der spanische Staat zeigen, wo der Hammer hängt. Die Separatisten schreckt das nicht: Es geht schließlich um Höheres.

Befürworter des katalanischen Unabhängigkeitsreferendums demonstrieren in Barcelona.

Quelle: Felipe Dana

Premia de Mar/Barcelona. Mit einer einfachen Frage kann man dieser Tage in Katalonien jederzeit eine hitzige Diskussion entfachen: Sollte Regionalregierungschef Carles Puigdemont an diesem Dienstag die Unabhängigkeit von Spanien erklären?

„Auf jeden Fall. Er soll bloß nicht zurückweichen. Endlich werden wir Spanien auf Augenhöhe begegnen, nicht mehr gedemütigt, sondern respektiert und ernst genommen“, sagt Lourdes. Stolz und entschlossen steht sie hinter dem Tresen ihrer Ferreteria, einem typisch spanischen Laden für Haushaltswaren, Werkzeug und Nippes. „Aber Mama, das ist doch alles illegal und zweitens, was bringt es uns denn? Nur einen Haufen Ärger“, wirft ihre Tochter Carlotta ein und verdreht dabei die Augen.

Knapper als dieses Wortgefecht in der Stadt Premia de Mar nordöstlich von Barcelona lässt sich der Streit zwischen Katalonien und der spanischen Zentralregierung kaum zusammenfassen. Verletzter Stolz, der bisweilen in Überheblichkeit umschlägt, schimmert bei vielen Katalanen durch, wenn es um das schmerzhafte und inzwischen arg ramponierte Verhältnis zu Spanien geht.

„Wir erwirtschaften 25 Prozent des spanischen Brutosozialprodukts, zahlen viel mehr an Madrid, als wir zurückbekommen und Katalanen erringen 33 Prozent aller spanischen Olympiamedaillen“, zählt die Journalistin und Dokumentarfilmerin Llúcia Oliva auf.

Die Liste der katalanischen Überlegenheiten gegenüber „den Spaniern“ ließe sich beliebig verlängern. Man sei ehrlicher, fleißiger, erfindungsreicher, zupackender, kreativer und weltoffener als das verknöcherte, immer noch dem imperialen Denken des lange verlorenen Kolonialreichs verhaftete Madrid. Nur, weil das arg arrogant ist, muss es nicht auch alles falsch sein.

Im Rest Spaniens kommt das naturgemäß nicht gut an. Der Nationalstolz ist schwer gekränkt durch die Absicht der Katalanen, sich aus der Nation zu verabschieden. Gerade die ärmeren Regionen wie zum Beispiel der Extremadura schauen neidisch auf das reiche Katalonien, das sich jetzt auch noch mit seinem Geld aus der spanischen Solidargemeinschaft davonstehlen wolle.

Das alles ist nicht neu, neu aber ist die Schärfe und Hitzigkeit, mit der solche Argumente hin- und hergeworfen werden. Gefühle und eine Mentalität des Alles oder Nichts beherrschen zunehmend die Debatte. Das rationale Abwägen des Für und Wider verschiedener Alternativen bleibt auf der Strecke.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat bei einer Rede zum 500. Jahrestag der Reformation in Rom dazu aufgerufen, angesichts der Krisen in Europa die Gefühle der Bürger ernst zu nehmen und dabei auch Katalonien ausdrücklich erwähnt.

Ob Spaniens konservativer Ministerpräsident Mariano Rajoy da gut zugehört hat, ist zu bezweifeln. Er ist für viele Katalanen ein rotes Tuch. Noch als seine Partido Popular (PP) in Madrid in der Opposition war, brachte er 2006 mit einer Klage gegen das katalanische Autonomiestatut vor dem Verfassungsgericht wichtige Teile des Gesetzes zu Fall.

Dass er beim zuvor vom Verfassungsgericht für illegal erklärten Unabhängigkeitsreferendum am vergangenen 1. Oktober die militärähnliche Guardia Civil gegen friedliche Wähler in Stellung brachte, hat viele Katalanen in ihrer Abneigung gegen „die in Madrid“ nur bestärkt.

Aber es ist auch Rajoys Wortwahl, die Katalanen auf die Palme bringt: das Streben nach Unabhängigkeit sei „lächerlich“, ein Referendum habe gar nicht stattgefunden und die Unabhängigkeit ein „Unsinn“.

Für die Journalistin Oliva ein Paradoxon: „Die Spanier mögen uns nicht, aber ziehen lassen wollen sie uns auch nicht.“ Das Argument, überbordender Nationalismus habe noch selten zu etwas Gutem geführt, versucht sie so zu entkräften: „Das ist kein Nationalismus, das ist Catalanismus.“ Der Unterschied bleibt diffus. Joaquín Luna von der liberalen Zeitung „La Vanguardia“ bescheinigt Teilen der Unabhängigkeitsbewegung schon fast „religiöse“ Züge. Deshalb sei ein Kompromiss - etwa eine Föderalisierung Spaniens - zurzeit kaum möglich.

Auch das kaum aufgearbeitete Erbe der Franco-Diktatur spielt zumindest in den Köpfen der Katalanen immer noch eine große Rolle. „Spanien ist immer noch vom System Franco durchdrungen“, sagte Manel Martínez, Gründer und Direktor der privaten Schulen „Liberi“ in Premia de Mar. Deshalb erwartet er eine sehr harte Reaktion Rajoys auf eine Unabhängigkeitserklärung. „Puigdemont und seine Regierung werden verhaftet werden“, ist er sich sicher. Dann würden sie zu Märtyrern aufsteigen. Und die Guardia Civil wird sich dann einem Haufen zorniger Katalanen gegenübersehen. „Was dabei herauskommt ...“, setzt er an, bringt den Satz aber nicht zu Ende.

In der Ferreteria setzen Lourdes und Carlotta ihr Streitgespräch fort, unterbrochen nur von Kunden, die Mottenkugeln oder Nägel verlangen. „Du bist doch nur gegen die Unabhängigkeit, weil Dein Mann Spanier ist“, stichelt die Mutter. „Das ist nicht wahr, Du wirfst immer alles durcheinander“, beklagt sich die Tochter.

Und dann nehmen sie sich in den Arm und müssen lachen. Plötzlich spielt das Radio einen Song von Mark Forster auf Deutsch: „Egal was kommt, es wird gut sowieso. Immer geht eine neue Tür auf irgendwo. Auch wenn es gerade nicht so läuft wie gewohnt. Egal, es wird gut sowieso.“

dpa

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