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Kaufen oder Kuschen? Wohin die Finanzmärkte jetzt steuern

Frankfurt/Main Kaufen oder Kuschen? Wohin die Finanzmärkte jetzt steuern

Nun ist eingetreten, was Börsianer kaum noch für möglich hielten: Die Briten kehren der EU den Rücken. Nach ersten heftigen Verwerfungen an den Finanzmärkten haben sich die Kurse aber erstaunlich schnell gefangen. Warum? Und ist das Schlimmste wirklich schon überstanden?

Frankfurt/Main. Das Erstaunen war groß bei dem Stuttgarter Aktienhändler, als er am Morgen seinen Computer hochfuhr. Die Nachrichten, die über seine riesige Monitorwand flimmerten, sollten in den Stunden darauf für chaotische Zustände an den weltweiten Finanzmärkten sorgen.

Die Briten wollen raus aus der Europäischen Union. „Alle sind falsch positioniert“, sagt der Börsenroutinier. „Keiner hat damit gerechnet, dass die Briten wirklich austreten.“ Auch er nicht.

Aktienkurse brechen ein, Pfund und Euro verlieren rasant an Wert, Anleger flüchten sich in die „sicheren Häfen“ Gold, Anleihen oder Yen. Die Deutsche Börse ruft den Ausnahmezustand aus: Kurse dürfen im sogenannten „Fast Market“ stärker schwanken als üblich bevor der Handel gestoppt wird - ein Verfahren, erdacht für absolute Notsituationen wie nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 oder zur Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009.

Doch nach wenigen Stunden ist der Spuk auch schon wieder großteils vorbei. Statt 10 Prozent steht der deutsche Leitindex Dax Freitagmittag noch rund 6 Prozent im Minus. Euro und Pfund erholen sich deutlich von ihren Tiefständen.

Die Reaktion der Finanzmärkte sei „mit großer Wahrscheinlichkeit deutlich übertrieben“ gewesen, sagt Marktstratege Christian Kahler von der DZ Bank. Der morgendliche Crash habe zu einem weltweiten Verlust an Marktkapitalisierung von 5 Billionen US-Dollar geführt, umgerechnet 4,5 Billionen Euro. Zum Vergleich: Das entspricht ungefähr der doppelten Wirtschaftsleistung Großbritanniens.

Jochen Stanzl vom Broker CMC Markets sieht „mutige Anleger“ bereits wieder auf „Schnäppchenjagd“ gehen. „Kaufen muss man dann, wenn alle anderen verkaufen.“ Der Brexit sei „keineswegs das Ende der Welt“, meint auch Mike van Dulken vom Broker Accendo Markets.

Wieder einmal sind es die Notenbanken, die den Finanzmärkten Halt geben. „Die EZB steht bereit, falls nötig, zusätzliche Liquidität in Euro oder ausländischen Währungen zur Verfügung zu stellen“, erklärte die Europäische Zentralbank am Freitagmorgen.

Auch der japanische Finanzminister Taro Aso hat Markteingriffe in Aussicht gestellt. Und der britische Notenbank-Chef Mark Carney machte gleich eine Fernsehansprache und erklärte, mehr als 250 Milliarden Pfund bereitzustellen, um die Funktionsfähigkeit der Märkte aufrechtzuerhalten.

„Der Fokus dürfte zunächst auf der Liquidität des Bankensektors liegen“, sagt Kapitalmarktstratege Felix Herrmann von der großen US-Beteiligungsgesellschaft BlackRock. „Insgesamt dürfte die Situation aber managebar bleiben.“

Viele Experten verweisen darauf, dass es angesichts der weiterhin am Boden liegenden Zinsen kaum Alternativen zur Geldanlage in Aktien gibt. Und sie sagen, dass die großen Investoren auf soviel Barem sitzen wie selten zuvor.

DZ-Bank-Experte Kahler warnt Aktienanleger jedoch vor verfrühtem Optimismus, obwohl er langfristig nicht mit großen Einbußen für die Geschäfte deutscher Unternehmen rechnet: „Wir erwarten, dass in den nächsten Tagen und Wochen - wie in Krisen üblich - eine enormen Volatilität an den Finanzmärkten herrschen wird.“ Sprich: Die Kurse werden stark schwanken. Schlimmstenfalls sieht Kahler den Dax auf 8000 Punkte fallen - das wäre ein Rutsch um mehr als 20 Prozent gegenüber dem Stand vor dem Brexit-Votum.

Auch der Stuttgarter Aktienhändler sieht eine anhaltend hohe Unsicherheit im Finanzmarkt. Für ihn ist nach einem turbulenten Tag die wirkliche Frage, „ob letztlich andere EU-Länder dem Beispiel der Briten folgen werden“.

dpa

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