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Keine Kollektivstrafen mehr: DFB kommt Ultras entgegen

Diskussion um Pyrotechnik Keine Kollektivstrafen mehr: DFB kommt Ultras entgegen

Fußball-Verbände auf der einen, Ultras auf der anderen Seite: Je mehr Fan-Ausschreitungen es in den vergangenen Monaten gab, desto unversöhnlicher standen sich auch diese Lager gegenüber. Jetzt macht DFB-Präsident Grindel einen großen Schritt auf die Ultras zu.

Fans sollen nicht mehr kollektiv für Ausschreitungen kleiner Gruppen bestraft werden.

Quelle: Axel Heimken

Frankfurt/Main. Im Streit um die zunehmenden Fan-Krawalle in deutschen Stadien haben der Deutsche Fußball-Bund und auch ein erster Landes-Innenminister einen großen Schritt auf die umstrittene Ultra-Bewegung zugemacht.

Kollektivstrafen für Fußball-Fans, eines der großen Reizwörter in dieser aufgeheizten Debatte, soll es laut DFB-Präsident Reinhard Grindel zumindest vorerst nicht mehr geben.

„Bis auf Weiteres“ wolle man „keine Sanktionen wie die Verhängung von Blocksperren, Teilausschlüssen oder Geisterspielen mehr“, sagte Grindel in einer am Mittwoch veröffentlichten Erklärung seines Verbandes. Der DFB werde seinem Kontrollausschuss empfehlen, „bis auf Weiteres darauf zu verzichten, Strafen zu beantragen, die unmittelbare Wirkung auf Fans haben, deren Beteiligung an Verstößen gegen die Stadionordnung nicht nachgewiesen ist“.

Die Organisation „ProFans“ begrüßte diesen überraschenden Vorstoß. „Vielleicht ist das das Zeichen, auf das wir lange gewartet haben“, sagte ihr Sprecher Sig Zelt am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. „Es gibt bei uns immer noch Skepsis. Aber wenn es so ein Signal gibt, wollen wir Herrn Grindel gern beim Wort nehmen.“

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius ging in einem „Sport Bild“-Interview sogar noch weiter als Grindel und regte an, die von den Ultras so geliebte Pyrotechnik zumindest in bestimmten Bereichen eines Stadions zuzulassen. Bengalos seien „gefährlich, das kann man nicht einfach mal so abfeuern“, meinte der SPD-Politiker. „Nun sage ich: Okay, wenn einige Ultras-Gruppen ganz viel Wert darauf legen, Pyrotechnik zu zünden, kann man sich darüber unterhalten, dafür bestimmte Bereiche im Stadion zu schaffen.“

Aus der Politik gab es sofort Kritik an diesem Vorstoß. „Pyrotechnik hat in unseren Fußballstadien nichts verloren. Daran gibt es nichts zu rütteln“, sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU).

Ein Teil des Problems ist jedoch auch: Teile der sogenannten Ultra-Bewegung auf der einen sowie Verbände wie der DFB und die Deutsche Fußball Liga auf der anderen Seite stehen sich seit Monaten unversöhnlich gegenüber. Die Unterbrechung des Pokalspiels zwischen Hansa Rostock und Hertha BSC (0:2) am Montag hat die Debatte um Fankrawalle in Deutschland ausgerechnet in der Woche des Bundesliga-Starts wieder einmal erhitzt. Experten wie Michael Gabriel von der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) in Deutschland sind der Überzeugung, dass eine Entspannung der Situation „nur gemeinsam mit den Fans und nicht über ihren Kopf hinweg“ erreicht werden kann.

Genau in diesem Sinne sind auch die Vorstöße von Pistorius und Grindel zu verstehen. Sie wollen mit den schwer zugänglichen Ultra-Gruppen überhaupt eine Form des Gesprächs aufnehmen. „Es ist Zeit zum Innehalten. Es ist Zeit zum Umdenken“, schrieb der DFB-Präsident in seiner Erklärung. „Wir wollen ein Zeichen setzen, um gemeinsam in den Dialog einzutreten.“ Der DFB ist dafür bereit, zumindest zeitweise auf die Ultra-Forderung nach der Abschaffung von Kollektivstrafen einzugehen. Umgekehrt fordert der Verband von den Ultra-Gruppen aber auch: „Verzicht auf Gewalt.“

Gerade die Kollektivstrafen und die Pyrotechnik sind für Ultras zentrale Begriffe in diesem Streit. Innenminister Pistorius möchte am 11. November einen Fußball-Gipfel in Niedersachsen abhalten, an dem sowohl Profivereine als auch Fangruppen teilnehmen sollen. Das Bündnis „ProFans“ zum Beispiel hat eine Abschaffung der Kollektivstrafen zu einer Bedingung für seine Teilnahme an diesem Treffen erklärt. „ProFans sieht eine Abkehr hiervon als zwingend notwendig an“, heißt es in einer Erklärung aus dem Juli.

Grindel lud Ultra-Vertreter erneut dazu ein, sich mit dem DFB, seiner Arbeitsgruppe Fankulturen sowie anderen Fan-Organisationen an einen Tisch zu setzen. „Wir müssen Vertrauen aufbauen, Missverständnisse ausräumen und gemeinsam klare Linien und Grenzen festlegen“, sagte er. „Wir wollen gemeinsam erörtern, was wir zum Erhalt und zur Verbesserung der Fankultur in unseren Stadien tun können.“

Für seine Erklärung erhielt Grindel sofort die Zustimmung der Deutschen Fußball Liga und mehrerer Bundesliga-Clubs. „Die Dialog-Initiative des DFB-Präsidenten an alle Fan-Gruppen ist der richtige Schritt, um neues Vertrauen zu bilden. Miteinander statt übereinander reden - das muss die Devise sein“, sagten Ligapräsident Reinhard Rauball und DFL-Geschäftsführer Christian Seifert.

Bayern Münchens Vorstands-Chef Karl-Heinz Rummenigge erklärte auf dpa-Nachfrage: „Ich begrüße die Initiative von DFB-Präsident Reinhard Grindel, Kollektivstrafen abzuschaffen. Den Dialog mit den unterschiedlichen Fangruppierungen zu suchen, ist aus meiner Sicht der richtige Weg.“ Auch der von Zuschauer-Teilausschlüssen in der Vergangenheit besonders betroffene Verein Eintracht Frankfurt reagierte positiv: „Es ist gut und richtig, dass der DFB einen Schritt auf die aktive Fanszene zugeht und dies mit der Abkehr von Kollektivstrafen verbindet. Wir haben uns immer gegen Kollektivstrafen ausgesprochen“, sagte Vorstand Axel Hellmann.

dpa

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