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Kindesmissbrauch in Familien unterschätzt

Erschütternder Bericht Kindesmissbrauch in Familien unterschätzt

Väter als Täter - und Mütter als Mitwisser. Es sind erschütternde Lebensgeschichten, wenn Erwachsene sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit schildern. Eine Kommission wertet hunderte Einzelschicksale aus - und sieht ein Massenphänomen.

Die Kommission, die im Mai 2016 ihre Arbeit aufnahm, untersucht sämtliche Formen sexuellen Kindesmissbrauchs in der Bundesrepublik und in der früheren DDR.

Quelle: Nicolas Armer

Berlin. Mütter in Deutschland haben sich bei sexuellem Missbrauch in Familien zu selten schützend vor ihre Kinder gestellt. Das ist ein Ergebnis des ersten Zwischenberichts der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, der in Berlin vorgestellt wurde.

Hunderte Erwachsene schilderten dafür, wie sie als Kinder oft keine oder erst spät Hilfe erfuhren. Denn Familienangehörige reagierten trotz ihres Wissens um die Übergriffe nicht. Insbesondere Mütter hätten Missbrauch als Mitwissende geduldet und ihn dadurch unterstützt, heißt es in der Studie.

„Der Bericht gibt einen tiefen Einblick in das Versagen von Müttern“, sagt Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, der Deutschen Presse-Agentur. „Es gab Fälle, in denen Kinder ihre Mütter gefragt haben: „Weißt du überhaupt, was der Papa mit mir macht?“. Und die Mütter haben dann ihre Töchter als Hure oder Schlampe beschimpft.“ Die Sammlung der Einzelschicksale sei erschütternd, ergänzte er.

„Die Betroffenen sprechen, damit sich etwas verändert“, erklärte Bundesfamilienministerin Katarina Barley. Sie werde sich dafür einsetzen, die Mittel für die erfolgreiche Arbeit der Kommission aufzustocken.

Rund 300 Erwachsene haben bisher Missbrauchserfahrungen in Kindheit und Jugend geschildert. 700 weitere warten auf ihre Anhörung. Am häufigsten meldeten sich Frauen zwischen 30 und 50 Jahren. Mehr als zwei Drittel aller Betroffenen (70 Prozent) berichteten bisher von Übergriffen in ihrer Familie oder ihrem engen sozialen Umfeld. Das entspricht dem Stand der Forschung, wonach die Familie der Haupttatort für sexuelle Übergriffe ist. Viele Betroffene erlebten ohnmächtige Mütter - oder Mütter, die nicht einschritten, um ihren Partner nicht zu verlieren.

„Es sind Lebensgeschichten, die aufwühlen“, sagt Sabine Andresen, Vorsitzende der Kommission. „Zu den Tätern gehörten Väter, Großväter, Stiefväter, ältere Geschwister und manchmal auch die Mütter.“ Was Betroffene am meisten belaste, sei die Tatsache, dass ihnen oft weder geglaubt noch geholfen wurde. „Dass Angehörige Bescheid wissen, aber nicht eingreifen, erzeugt ein unheimlich großes Leid. Dazu blieben viele Täter Teil der Familie“, ergänzte Andresen. Häufig habe darüber hinaus Hilfe von Schule oder Jugendämtern gefehlt. Denn Familie wird als Privatraum angesehen.

Rörig sieht sexuellen Missbrauch nicht allein als Problem der Vergangenheit. Die Gefahren seien auch heute noch groß, wenn ein starkes Macht- und Abhängigkeitsverhältnis in einer Familie vorherrsche, sagte er. „Eine Rolle spielt auch, dass viele Mütter emotional und auch finanziell von Partnern abhängen, die den Missbrauch begehen. Und dass Mütter nicht wissen, wohin sie sich wenden können.“ In Zukunft müsse es mehr Lösungsangebote für sie geben. „Damit eine Mutter einen Konflikt immer mit Blick auf das Kindeswohl löst - und nicht die Gefahr des Auseinanderbrechens der Familie als größer einschätzt.“

Für Matthias Katsch, Mitglied im Betroffenenrat der Kommission, offenbaren die Anhörungen ein kollektives Versagen beim Schutz von Kindern und Jugendlichen. „Sexueller Missbrauch ist kein exotisches Schmuddelthema, sondern eine Grundkonstante von Kindheit und Jugend in Deutschland“, sagte er. Katsch schätzt, dass heute ein bis zwei Kinder einer Schulklasse Opfer von sexuellen Übergriffen sind. „Die Gesellschaft ist bei diesem Thema blind. Und es gilt, dieses Schweigen dauerhaft zu durchbrechen.“

Die seelischen Folgen des Missbrauchs durchziehen nach dem neuen Bericht die Lebenswege - über fehlende Schulabschlüsse, abgebrochene Ausbildungen, neuen Missbrauch - bis hin zu Suizidversuchen. Ein Fünftel der bisher Gehörten sei durch gebrochene Erwerbsbiografien von Armut bedroht.

Bisher reichen die finanziellen Mittel der Kommission - 2017 sind es rund zwei Millionen Euro - für 1000 Anhörungen. Melden sich weitere Betroffene, kann ihnen nach dem heutigen Stand nicht zugehört werden. Kommissionsmitglied Jens Brachmann fordert deshalb ein vom Bund finanziertes Forschungsinstitut zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs. Die bisher durch die Kommission offengelegten Muster sollen bereits jetzt dazu beitragen, Prävention zu verbessern. Ferner fordert die Kommission von der Politik die lange angekündigte Reform des Opferentschädigungsgesetzes.

Denn bisher sind Erwachsene, die in ihrer Kindheit und Jugend von sexueller Gewalt betroffen waren, auf ergänzende Hilfe wie Fonds angewiesen. Daraus werden zum Beispiel Therapien finanziert, die Krankenkassen nicht zahlen. Beim Thema sexueller Gewalt in Familien weigern sich jedoch 13 der 16 Bundesländer, in den Fonds dafür einzuzahlen. Bisher trägt deshalb der Bund die Hauptfinanzierung.

dpa

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