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„Massaker“ im Flüchtlingslager

Syriens Bürgerkrieg am Scheideweg „Massaker“ im Flüchtlingslager

Niedergebrannte Zelte und verkohlte Leichen: im bombardierten Camp im Nordwesten Syriens spielen sich schreckliche Szenen ab. An neue Friedensgespräche ist im Moment kaum zu denken.

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Quelle: AFP PHOTO / AFPTV / STRINGER

Damaskus (dpa) - . Der alte Mann ist außer sich. Sein Gesicht bebt, er brüllt und fuchtelt mit den Armen, als wolle er am liebsten jemanden schlagen. „Seht ihr, was diese Verbrecher gemacht haben?“, donnert er in die Kamera und zeigt auf die verkohlten Reste von dem, was wohl einmal Zelte eines Flüchtlingslagers im Nordwesten Syriens waren. Noch immer steigt Rauch vom Boden auf. Für den Luftangriff auf das Lager mit rund 30 Toten und Dutzenden Verletzten kennt der Mann mit dem Bart nur einen Schuldigen: „Das ist das brutale Regime von Baschar al-Assad“, brüllt er. „Der Mörder von Kindern und Frauen.“

Die Opposition hat dieses Video aus dem Kammuna-Camp im Nordwesten Syriens im Internet verbreitet, als Beleg für einen Angriff, den Regimegegner für ein Kriegsverbrechen halten. Bislang ist nicht unabhängig geklärt, wer für die Bomben auf die Flüchtlinge verantwortlich ist. Rettungshelfer vor Ort berichten von insgesamt zwei Luftangriffen. Die oppositionsnahe Beobachtungsstelle für Menschenrechte spricht von einem „Massaker“, das Kampfflugzeuge verübt hätten, sagt aber nicht, zu welcher Armee diese gehörten.

Auch wenn Syriens Armeeführung jede Verantwortung von sich weist, steht für die Opposition fest, dass das Regime oder Moskaus Luftwaffe die Bomben auf das Lager abgeworfen haben. Sie bekämpfen in dieser Region die radikale Al-Nusra-Front und andere Rebellen, die ihrerseits keine Luftwaffe besitzen. Die US-geführte internationale Koalition ist normalerweise weiter im Osten Syriens im Einsatz, wo sie die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bombardiert.

Mit dem Angriff auf das Flüchtlingslager erreicht die Gewalt gegen Zivilisten in Syriens Bürgerkrieg einmal mehr einen traurigen Höhepunkt. Unter den Opfern sind viele Frauen und Kinder. Ein kurzes Video der Rettungshelfer „Weißhelme“, die in Rebellengebieten aktiv sind, zeigt die verkohlte Leiche eines kleinen Mädchens oder Jungens - ein Anblick, der kaum grausamer sein könnte. Und für den der alte Mann aus dem Video neben Syriens Verbündeten Russland und Iran auch die internationale Gemeinschaft mitverantwortlich macht: „Wo sind die Staaten der Welt“, schreit er. „Sie sind alle Lügner.“

Wieder und wieder werden in dem 2011 ausgebrochenen blutigen Konflikt Zivilisten Opfer von Gewalt. Etliche Male sind auch Krankenhäuser beschossen worden, wie erst vor Kurzem mehrere Kliniken in der umkämpften Stadt Aleppo. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) hat gezählt, dass 2015 insgesamt 63 von ihr unterstützte Einrichtungen getroffen worden sind. „Wir denken, dass es eine systematische Strategie gibt, medizinische Einrichtungen ins Visier zu nehmen, sagt MSF-Sprecher Sam Taylor. Für die meisten Angriffe macht er Syriens Regierung und ihre Verbündeten verantwortlich.

Einmal mehr steht der syrische Bürgerkrieg nach dem verheerenden Luftangriff an einem Scheideweg. Die Genfer Friedensgespräche sind ins Stocken geraten, weil die Opposition aus Protest gegen die zunehmende Gewalt verärgert aus der Schweiz abgereist ist. UN-Vermittler Staffan de Mistura will die bislang lediglich indirekten Verhandlungen zwar im Mai wieder aufnehmen, doch angesichts der Eskalation ist das im Moment kaum vorstellbar - trotz intensiver diplomatischer Bemühungen in den vergangenen Tagen.

Stattdessen sehen Militärbeobachter Hinweise für eine anstehende neue Offensive der Arme auf Aleppo, den militärisch wichtigste Schauplatz des Bürgerkrieges. Allerdings hat sich der Druck auf die Anhänger von Präsident Assad in dieser Woche an zwei anderen Fronten erhöht. Erst konnte der IS im Zentrum Syriens das wichtige Gasfeld Al-Schair erobern, dann zerstörten die Al-Nusra-Front und andere Rebellen eine Regime-Verteidigungslinie südlich von Aleppo - auch Moskau Hilfe für Assad aus der Luft konnte diese Niederlagen nicht verhindern.

Von Jan Kuhlmann

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