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Nach Explosionen: Zahl der Toten steigt auf 112

Tianjin Nach Explosionen: Zahl der Toten steigt auf 112

Bei der Katastrophe im Hafen von Tianjin sind möglicherweise deutlich mehr Feuerwehrleute ums Leben gekommen als bisher zugegeben. Dutzende werden noch vermisst. Welche Lehren zieht China aus dem Unglück?

Tianjin. Die Zahl der Toten nach dem schweren Explosionsunglück auf dem Hafengelände der nordchinesischen Stadt Tianjin ist bis Sonntag auf 112 gestiegen.

Vier Tage nach der Katastrophe wurden noch 95 Menschen vermisst, darunter 85 Feuerwehrleute, wie die Behörden nach Angaben der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua berichteten. Damit werden deutlich mehr Feuerwehrleute vermisst als ursprünglich eingeräumt.

Die Retter waren am späten Mittwochabend zu einem Feuer in dem Gefahrgutlager geeilt und waren gerade bei ersten Löscharbeiten, als sich die massiven Explosionen von Chemikalien ereigneten. Ihnen war nicht bekannt, welche Gefahrgüter dort lagerten. Auch setzten sie Wasser ein, was bei Chemikalien wie dem unter anderem dort gelagerten hochgiftigen Natriumcyanid explosive Reaktionen auslösen kann.

Der Tod von mehr als 20 Feuerwehrleuten ist bereits bestätigt. Nie zuvor in der Geschichte der Volksrepublik sind bei einem Unglück so viele Feuerwehrleute ums Leben gekommen wie in Tianjin. Die höhere Zahl von vermissten Helfern folgte auf Proteste von aufgebrachten Angehörigen, die beklagten, dass nicht alle in den Explosionen verschwundenen Helfer mitgezählt würden, weil sie nur angeheuert waren und nicht den offiziellen Status als Feuerwehrmann besaßen.

Das wahre Ausmaß der Katastrophe und die Gefahren durch Schadstoffe in Luft und Wasser kommen nur langsam zutage, während die Behörden den Informationsfluss stark unter Kontrolle halten. Zeitungen dürfen eigentlich nur Berichte der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua übernehmen und nicht selbst recherchieren. Die starke Zensur verstärkte den Eindruck in der besorgten Bevölkerung von Tianjin, dass die Behörden ihnen nicht die ganze Wahrheit sagen.

50 Webseiten wurden bestraft, weil sie angeblich „Gerüchte“ oder „unbestätigte Informationen“ veröffentlicht und damit Panik ausgelöst hätten. Auch wurden Webseiten bestraft, weil sie Nutzern ermöglicht hätten, „unbegründete Gerüchte“ zu verbreiten. Die Internetaufsicht (CAC) warnte nach Angaben der Staatsagentur Xinhua, dass sie „Null-Toleranz“ für solches Verhalten habe.

Verwirrung herrschte bei Evakuierungen der Wohngebiete nahe dem Unglücksort, wo aus der Luft nur noch ein Riesenkrater zu sehen ist. Obwohl Polizeiwagen am Samstag über Lautsprecher zur Räumung in einem Umkreis von drei Kilometer aufgerufen hatten, bestritt ein Behördenvertreter, dass eine Evakuierung angeordnet worden sei.

Aus Angst vor giftigen Gasen in der Luft und einem Wechsel der Windrichtung wurden allerdings unter anderem die Menschen in einer Notunterkunft in einer nahe gelegenen Grundschule in Sicherheit gebracht. Auch wurden Straßensperren eingerichtet. Konvois mit Soldaten rollten zur Verstärkung in die Stadt.

Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping rief dazu auf, „äußerst tiefgreifende Lehren“ aus der Tragödie zu ziehen. Die Katastrophe in Tianjin und eine jüngste Serie schwerer Unglücke enthüllten „ernste Probleme beim Arbeitsschutz“. Er forderte bessere Notfallmechanismen, eine verstärkte Umsetzung von Sicherheitsvorschriften und Inspektionen potenzieller Gefahren. Ein Verantwortlichkeitssystem müsse gewissenhaft umgesetzt werden, um eine Vernachlässigung von Pflichten zu verhindern.

Die Regierung hat zuvor landesweit Inspektionen in den Umgang mit gefährlichen Chemikalien und Explosivstoffen angeordnet. Das Unglück „enthüllt einen Mangel an Sicherheitsbewusstsein bei Unternehmen und eine lockere Umsetzung von Sicherheitsvorschriften“, zitierte Xinhua aus einer Anweisung der Kommission für Sicherheit am Arbeitsplatz.


Xinhua

dpa

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