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„PISA“: Jeder sechste deutsche Schüler oft Mobbing-Opfer

Vergleichsstudie „PISA“: Jeder sechste deutsche Schüler oft Mobbing-Opfer

Hänseleien, Gerüchte, Ausgrenzung, körperliche Gewalt - wegen vieler Mobbing-Fälle wird Schule in einem neuen PISA-Report auch als „Ort der Qual“ beschrieben. Doch vieles läuft ganz gut im Lernumfeld der Jugendlichen.

Eine PISA-Sonderauswertung zum Wohlbefinden von Jugendlichen zeigt, dass viele Schüler in Deutschland gemobbt werden.

Quelle: Fredrik von Erichsen/symbolbild

Berlin. In Deutschland fühlen sich junge Menschen nach einer neuen PISA-Studie an ihrer Schule überwiegend wohl und empfinden relativ wenig Stress durch Hausaufgaben oder Prüfungen. Interesse und Hilfestellung von Eltern für den Unterricht ihrer Kinder sind sehr ausgeprägt.

„Teenager, die sich als Teil einer Schulgemeinschaft fühlen und gute Beziehungen mit ihren Eltern und Lehrern pflegen, werden mit größerer Wahrscheinlichkeit bessere schulische Leistungen erbringen und insgesamt glücklicher sein“, schreibt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Doch es gibt auch Schattenseiten - vor allem beim Schüler-Mobbing.

Wichtige Ergebnisse der veröffentlichten Sonderauswertung „Wohlbefinden“ mit gut einer halben Million Teilnehmer, darunter etwa 10 000 aus Deutschland:

BELASTUNG DURCH MOBBING: In Deutschland wird fast jeder sechste 15-Jährige (15,7 Prozent) regelmäßig Opfer von teils massiver körperlicher oder seelischer Misshandlung durch Mitschüler. Im Schnitt aller Teilnehmerländer der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist sogar nahezu jeder Fünfte (18,7 Prozent) mehrmals im Monat von Mobbing betroffen. Fast jeder zehnte 15-Jährige aus Deutschland (9,2 Prozent) beklagte, immer wieder Ziel von Spott und Lästereien zu sein. 2,3 Prozent gaben an, in der Schule herumgeschubst und geschlagen zu werden. Insgesamt sind Jungen laut OECD häufiger Mobbing-Opfer als Mädchen. Diese sind aber stärker von Ausgrenzung und bösen Gerüchten betroffen. Auch auf Schulleistungen hat dieser Stress oft negative Auswirkungen.

DAZUGEHÖREN IST WICHTIG: Drei von vier Jugendlichen (75 Prozent) empfinden ein überdurchschnittlich starkes Zugehörigkeitsgefühl für ihre Schule und die Mitschüler (OECD: 73 Prozent). Und gut 85 Prozent schließen aus, im Schulalltag Außenseiter zu sein oder „geschnitten“ zu werden (OECD: 82,8 Prozent). Allerdings ist das Gemeinschafts- und Zufriedenheitsgefühl bei Schülern aus ärmeren Familien oft weniger ausgeprägt. Die Wertschätzung der eigenen Lebenssituation insgesamt liegt unter deutschen 15-Jährigen bei guten 7,4 auf einer Skala von 0 bis 10 (OECD: 7,3).

SORGEN IM SCHULALLTAG: Deutsche Schüler haben weniger Furcht vor Hausaufgaben oder Tests als im OECD-Durchschnitt. Jeder fünfte der befragten 15-Jährigen (22 Prozent) reagiert nach eigener Aussage sehr nervös auf solchen Stress (OECD: 37 Prozent). 42 Prozent haben Angst bei der Vorbereitung von Prüfungen (OECD: 55 Prozent). Mädchen schleppen deutlich häufiger Schulsorgen mit sich herum als Jungen. Vergleichsweise wenig Schüler (59 Prozent) sind hierzulande zufrieden mit der Unterstützung und dem Interesse ihres Lehrers (OECD: 77 Prozent). Extreme Arbeitsbelastung ist bei deutschen Schülern eher selten: Nur 4 Prozent gaben an, dass sie mehr als 60 Wochenstunden in der oder für die Schule aktiv sind (OECD: 13 Prozent).

ELTERN SEHR GEFRAGT: Schüler in Deutschland erfahren zuhause viel Unterstützung. 96 Prozent gaben an, dass sich ihre Väter und/oder Mütter für Schulaktivitäten interessieren. 91 Prozent verrieten, dass ihre Eltern bei Schwierigkeiten in der Schule helfen. Das bedeutet häufig Einflussnahme auf Lehrer: Mit ihnen sprechen 64 Prozent der Eltern über das Verhalten der Kinder, 54 Prozent über schulische Fortschritte. Schüler mit stark interessierten und anteilnehmenden Eltern sind häufiger mit ihrer Lebenssituation zufrieden als weniger beachtete. Der OECD-Bildungsforscher Andreas Schleicher sagte der Deutschen Presse-Agentur, wenn Eltern ihren Kindern zeigten, dass das Thema Schule für sie wichtig ist, „hat das großen Einfluss. Es gibt eigentlich keine Entschuldigung, dies als Eltern nicht zu leisten.“

BLICK ÜBER DEN TELLERRAND: Deutschland liegt alles in allem - wie schon bei den PISA-Kompetenztests für Naturwissenschaften, Mathematik und Lese-/Textverständnis im Dezember - beim Wohlbefinden der Schüler international im vorderen Bereich. Die Zufriedenheit der 15-Jährigen mit ihrer Lebenssituation ist in mehreren europäischen Ländern aber deutlich ausgeprägter - die Unzufriedenheit vorrangig in asiatischen PISA-Musterländern allerdings auch. Den Spagat zwischen großer Leistungsfähigkeit des Bildungssystems und einem hohen Wohlfühlfaktor bekommen in Europa einige Staaten besser hin als Deutschland. „Insbesondere in Finnland oder Estland haben die Lehrer deutlich mehr Zeit, sich für Dinge einzusetzen, die auf emotionale und sozialen Bedürfnisse der Schüler abzielen“, sagte Schleicher. Auch die Niederlande und die Schweiz seien insgesamt relativ vorbildlich.

BOTSCHAFT ANGEKOMMEN: Die hohe Zahl von Mobbing-Opfern bereitet den Länder-Bildungsministern Sorge. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Susanne Eisenmann (CDU), empfiehlt intensive Demokratiebildung als „Voraussetzung dafür, dass Mobbing und Gewalt gar nicht erst entstehen können“. Der Deutsche Philologenverband, die Vertretung der Gymnasiallehrer, forderte in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (Donnerstag) eine Kultur des Hinschauens und Helfens. Verbandschef Heinz-Peter Meidinger sagte, es gehe nicht nur um Bestrafung, sondern auch um eine Aufarbeitung in der Klasse. Denn Schweigen und Dulden sei eine Art von Täterschaft.

dpa

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