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Polizei schnappt mutmaßlichen Erpresser

«Gott sei Dank gefasst» Polizei schnappt mutmaßlichen Erpresser

Aufatmen bei Polizei und Verbrauchern: Gegen den mutmaßlichen Supermarkt-Erpresser wurde Haftbefehl erlassen. Ermittler sprechen von einem exzentrischen Einzelgänger. Beim Einkaufen zeigen sich manche Kunden dennoch skeptisch.

Polizeivizepräsident Uwe Stürmer (l): „Der Täter hat im Grunde genommen nicht nur gedroht, sondern auch gehandelt - und das macht ihn so ausgesprochen gefährlich.“

Quelle: Felix Kästle

Konstanz/Tübingen. „Der Erpresser ist gefasst?“, fragt eine Frau vor einem Konstanzer Supermarkt. „Gott sei Dank. Das hat mich wirklich verunsichert.“

Kurz zuvor hatte die Polizei mitgeteilt, dass sie im Fall der vergifteten Gläschen mit Babynahrung einen 53 Jahre alten Tatverdächtigen festgenommen hat. Inzwischen erging Haftbefehl. Der Mann hatte nicht nur die Beamten tagelang in Atem gehalten: In einer Droh-E-Mail forderte er eine Millionensumme von Lebensmittelkonzernen und Drogeriemärkten - andernfalls wollte er deutschlandweit Produkte vergiften. „Sehr skrupellos“ nannten die Ermittler den Täter.

„Ich bin wirklich froh, dass er geschnappt wurde“, sagt die Frau in Konstanz, während sie ihre Einkäufe in den Kofferraum ihres Autos legt. Trotzdem wolle sie künftig wachsam bleiben: „Man weiß ja nie.“ Eine andere Supermarkt-Kundin ist ebenfalls skeptisch: „Es ist ja noch nicht hundertprozentig klar, ob er vielleicht Komplizen hatte. Oder ob es Nachahmer gibt.“

Die Ermittler sind sich dagegen sicher, dass sie den Richtigen gefasst haben: Zum einen seien an den Gläschen mit Babynahrung DNA-Spuren gefunden worden, die der DNA des am Freitag festgenommenen Verdächtigen ähneln. Außerdem wurden in der Wohnung des 53-Jährigen in Ofterdingen im Kreis Tübingen verdächtige Gegenstände gefunden, sagt Polizeivizepräsident Uwe Stürmer auf einer Pressekonferenz in Konstanz und hält eine halbvolle Plastikflasche in die Höhe. So sei etwa ein rund 500 Milliliter fassendes Gefäß entdeckt worden, das zur Hälfte mit dem Gift Ethylenglycol gefüllt gewesen sei.

In den im Supermarkt gefundenen Gläschen mit Babynahrung seien jeweils rund 40 bis 50 Milliliter des Stoffes gefunden worden, sagt Stürmer. „Das passt. Wir sind daher zuversichtlich, dass es uns gelungen ist, das Ethylenglycol gänzlich in unseren Besitz zu bekommen.“ Ganz sicher sei das nicht - da nicht klar sei, ob der Mann eventuell noch mehr Gefäße hatte. Die Warnung der Polizei bleibt daher weiter bestehen: Die Beamten bitten die Kunden, beim Einkauf aufmerksam zu bleiben und beschädigte Verpackungen zu melden.

Der Täter habe mit seiner Strategie eine maximale Verunsicherung erreicht, sagt Stürmer. „Ein normaler Erpresser droht ein Unbill an, um zur Zahlung zu verpflichten. Der jetzige Täter hat im Grunde genommen nicht nur gedroht, sondern auch gehandelt - und das macht ihn so ausgesprochen gefährlich.“

Denn der Erpresser hatte bereits Mitte September fünf Gläschen Babynahrung mit Ethylenglycol vergiftet und in einen Supermarkt in Friedrichshafen am Bodensee gebracht. Anhand der Aufnahmen einer Überwachungskamera konnten die Beamten relativ genau bestimmen, wann der Mann das Gift ausgebracht hatte und wann die Droh-E-Mail kam. Dazwischen liege durchaus eine gewisse Zeitspanne, sagt Stürmer. „Aus unserer Sicht hatte der Täter das überhaupt nicht im Griff, ob so ein Glas abverkauft worden wäre oder nicht. Insofern war das schon ein sehr gefährlicher Fall.“

Gegen den Tatverdächtigen sei inzwischen Haftbefehl wegen versuchter schwerer, räuberischer Erpressung erlassen worden, sagt der zuständige Oberstaatsanwalt Alexander Boger. Sollte auch ein Tötungsvorsatz festgestellt werden, komme eine Anklage wegen eines versuchten Tötungsdelikts in Betracht. Der Mann sei gewissermaßen eine gescheiterte Existenz, sagt Stürmer. Er lebe derzeit von Sozialhilfe, habe kein erkennbares soziales Umfeld oder sonst eine Beziehung. „Es ist eine Person, die in ihrer Biografie durchaus Brüche hat und die in der Vergangenheit bereits psychische Auffälligkeiten gezeigt hat. Ich würde ihn mal als Einzelgänger und als exzentrisch bezeichnen.“

Der Erpresser habe bei der Tat anfangs sehr strukturiert und durchdacht gehandelt, sagt Stürmer weiter. Das habe sich im Laufe der Ermittlungen jedoch geändert: Durch die Veröffentlichung des Fahndungsbildes sei ein enormer Druck entstanden. „Mich würde es nicht wundern, wenn er in eine gewisse Panik verfallen ist.“ Vermutlich habe der Mann gedacht: Ich muss schnell alles loswerden, was mich identifiziert. So habe der Tatverdächtige vermutlich auffällige Turnschuhe und einen Laptop in einem Altkleidercontainer entsorgt, der in der Nähe seiner Wohnung liege. Ein Zeuge habe das beobachtet, sagt Stürmer.

Bei der Festnahme sei der Mann ruhig geblieben: „Solche Zugriffe werden - vor allem, wenn der Täter gefährlich ist - sehr überraschend gemacht“, sagt Stürmer. „Und zumindest hat er nicht wie andere danach gefragt, was das soll und was der Grund für die Festnahme ist.“ Hatte er sich gewehrt oder gar versucht, zu entkommen? „Nein“, sagt Stürmer. „Da hätte er auch keine Chance gehabt.“

dpa

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