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Polizeigewalt gegen Schwarze: Live-Videos als neue Gegenwehr

Berlin Polizeigewalt gegen Schwarze: Live-Videos als neue Gegenwehr

Ein Live-Video nach den tödlichen Schüssen auf einen Schwarzen in den USA sorgt für Entsetzen. Für Opfer von Polizeigewalt sind die Sozialen Medien zu einer neuen Form des Notrufs geworden. Doch Funktionen wie Facebook Live und Periscope sind nicht unumstritten.

Berlin. „Die Polizei hat ohne ersichtlichen Grund auf meinen Freund geschossen“: Im US-Staat Minnesota stirbt ein Afroamerikaner nach Polizeischüssen. Seine Freundin filmt ein Teil des Geschehens und streamt die Bilder live über das Internet.

Das Video ist brutal - und zeigt eine neue Form der Gegenwehr. Sie habe die Bilder auf Facebook gestellt, damit die Leute Zeuge sein könnten, erklärt Diamond Reynolds einen Tag nach den Vorfällen. „Ich will, dass sie für sich entscheiden, was richtig und was falsch ist.“

Mehr als fünf Millionen Mal wurde das Video bislang auf Reynolds Facebook-Seite angeklickt. Nach der Veröffentlichung war der Clip kurzzeitig gelöscht, Facebook sprach von einem „technischen Fehler“. Inzwischen ist dem „expliziten Video“ eine Warnung vorgestellt: Es könne „schockieren, kränken und verärgern. Bist Du sicher, dass Du das sehen willst?“, heißt es.

Was war geschehen? Bei einer Verkehrskontrolle am Mittwoch stoppt ein Polizist den Wagen des 32-jährigen Philando Castile - wohl wegen eines defekten Rücklichts. Im Auto sitzen auch Reynolds und ihre kleine Tochter. Das Video setzt nach den Schüssen ein. Mit bemerkenswerter Ruhe filmt sie ihren stöhnenden Freund, sein Shirt voller Blut. Am offenen Fenster ein kreischender Polizist, er zielt weiter auf Castile.

Vier Kugeln habe er ihm verpasst. Ihr Freund habe den Polizisten erklärt, dass er legal eine Waffe besitze, berichtet Reynolds weiter. Er habe nur seine Papiere aus der Tasche ziehen wollen. „Gott mach, dass das nicht wahr ist. Dass er nicht auf diese Weise geht.“

Bieten Live-Streaming-Portale also eine neue Form der Gegenwehr? „Für Philando Castile waren die Sozialen Medien der einzige Notruf“, titelte die „Wired“. Opfer von Polizeigewalt hätten keine Möglichkeit, sich an Autoritäten zu wenden. Reynolds Video war ein „Echtzeit-Hilfeschrei“. „Ihr war es unmöglich, Beamte zu informieren, als ihr Geliebter starb, also informierte sie die Öffentlichkeit.“

„Die Bilder, die wir diese Woche gesehen haben, sind grausam und herzzerreißend, und sie zeigen die Angst auf, mit der Millionen unserer Mitglieder täglich leben müssen“, erklärte Facebook-Chef Mark Zuckerberg. Sie erinnerten aber auch daran, „warum es so wichtig ist, zusammen eine offenere und vernetztere Welt zu schaffen - und wie weit unser Weg dahin noch ist.“

Doch Live-Funktionen wie von Facebook oder Twitters Periscope sind nicht unumstritten. Da die Bilder unmittelbar im Netz übertragen werden, sind die Inhalte kaum kontrollierbar. So bekannte sich ein französische Extremist, der vor wenigen Wochen in einem Pariser Vorort zwei Polizisten tötete kurz nach der Tat per Live-Stream zur Terrormiliz Islamischer Staat. Das Video wurde später gelöscht. Und in Chicago kam es im Juni zu einem dramatischen Vorfall: Ein 28-Jähriger stellte ein Live-Video von sich online, als er plötzlich von Schüssen getötet wurde.

Gleichzeitig dokumentieren die Videos, was in der Welt geschieht: Bilder der Demonstration gegen Polizeigewalt am Donnerstag in der US-Stadt Dallas, ausgelöst durch die tödlichen Schüsse gegen Castile und einen zweiten Schwarzen, werden im Netz übertragen. Und auch als Heckenschützen auf Polizisten feuern und mehrere Beamte sterben, zeigt ein Zeuge ein Video live auf Facebook.

Neu ist es nicht, dass bei Polizeieinsätzen Fotos oder Videos gemacht werden. Neu ist allerdings, dass diese direkt live gesendet werden. Lange vor dem Ende eines Einsatz, lange vor den ersten offiziellen Stellungnahmen. Und lange bevor das Material möglicherweise beschlagnahmt werden kann. Sie habe immer wieder von Polizeibeamten gehört, die Smartphones konfiszieren und Inhalte löschen, erklärte Michelle Gross, Präsidentin einer Vereinigung gegen Polizeigewalt in Minnesota der „New York Times“.

„Jeder technologische Fortschritt, der den Ermittlern Information liefere, ist hilfreich- inklusive Live Streaming“, sagte Jim Paso, Chef eines Nationalen Berufsverbands der US-Polizisten. Allerdings erzählten diese Videos nicht immer die ganze Geschichte. Jeder Mitschnitt könne hilfreich sein, „er kann aber nicht als DNA angesehen werden.“

dpa

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