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„Purer Horror“ - Augenzeugen berichten von Giftgas-Angriff

Der Tag danach „Purer Horror“ - Augenzeugen berichten von Giftgas-Angriff

Mutmaßlich Giftgas hat im Nordwesten Syriens mehr als 80 Menschen getötet. Die Oper und ihre Angehörigen stehen noch immer unter Schock. Manche glauben sogar, dass die Toten wieder aufwachen werden.

Überreste einer Granate, die möglicherweise Giftgas enthielt, aufgenommen in Chan Scheichun.

Quelle: Edlib

Antakya. Mohammed Abu Abdu hat als Kameramann schon viele Luftangriffe im syrischen Bürgerkrieg gefilmt - aber den vom vergangenen Dienstag wird er nie mehr vergessen. Als er die Jets am Himmel über der Stadt Chan Scheichun hört, stürmt er auf das Dach, wie er erzählt.

Seine Aufnahme zeigt zwei dicke Rauchsäulen. „Es war ein syrisches Flugzeug, ich habe es gesehen“, sagt er. „Ich habe gesehen, wie es im Norden vier Raketen abgefeuert hat.“ Was er danach erlebte, beschreibt er kurz und knapp: „Der pure Horror.“

Er habe sofort einen Verwandten angerufen, der für Rettungshelfer arbeite, berichtet Abu Abdu weiter. Der sei zum bombardierten Gebiet geeilt und habe sich kurz darauf am Telefon gemeldet: „Er sagte: 'Etwas passiert hier, ruf jemanden an, das ist ein Angriff mit Sarin.' Ich habe dann Rettungshelfer in Chan Scheichun alarmiert und ihnen gesagt: Es könnte ein chemischer Angriff gewesen sein.“

Kurz Zeit später kursierten in den sozialen Medien die ersten Bilder von Opfern. Sie zeigen Menschen, die zitternd und regungslos auf der Straße liegen, sie schnappen nach Luft. Rettungshelfer spritzen sie mit Wasser ab, um das vermutete Gift abzuwaschen.

Krankenhäuser füllen sich, Ärzte behandeln Opfer mit Sauerstoffgeräten, von denen es zu wenige gibt. Mindestens 86 Menschen sterben in Chan Scheichun. Weil das Gas schwerer als Luft ist und nach unten fällt, sind viele Kinder unter den Opfern. Mindestens 30 minderjährige Tote werden von Aktivisten gezählt.

„Schrecken breitete sich in der ganzen Stadt aus“, erzählt Abu Abdu. „Über den Funk der Rettungshelfer hörte ich kreischende und um Hilfe rufende Frauen, schreiende Männer und panische Helfer, die versuchten, mit dem fertig zu werden, was sie sahen. Eine ganze Stadt war in Panik.“

Dschalal Hamad al-Jussif geht davon aus, dass er Giftgas eingeatmet hat, als sein Viertel bombardiert wurde. Ein Gebiet um eine Bäckerei in Chan Scheichun sei angegriffen worden, sagt der 44-Jährige: „Ich habe einen Schmerz im Kopf gefühlt und musste mich übergeben. Dann bin ich bewusstlos geworden.“ Er sei erst wieder aufgewacht, nachdem er in ein Krankenhaus in der türkischen Stadt Antakya gebracht worden sei, rund drei Autostunden von Chan Scheichun entfernt.

Auf seinem Zimmer ist Dschalal an ein Sauerstoffgerät und einen Tropf angeschlossen. Seine Auge schmerzten noch immer, sagt er. 13 Verwandte sind in dem Krankenhaus untergebracht.

Die türkischen Behörden lassen auch das Blut der Opfer auf Spuren von Giftgas untersuchen. Für den türkischen Justizminister Bekir Bozday steht mittlerweile fest: In Syrien ist Giftgas eingesetzt worden. Das hätten Autopsien an drei Leichen nachgewiesen, sagt er. Nach Moskauer Angaben traf der syrische Angriff eine Rebellenwerkstatt für Giftgasmunition; Rebellen nannten dies eine Lüge.

In Antakya wird auch Mustafa Askur behandelt, 40 Jahre alt, verheiratet, ein Mann mit Glatze und kräftigem Bart. Er sei in Chan Scheichun auf dem Weg zur Arbeit gewesen und habe bewusstlose Menschen auf dem Boden gesehen, erzählt er. Als er habe helfen wollen, sei er selbst ohnmächtig geworden.

„Ich habe nichts verbrochen, ich habe niemandem wehgetan, ich will nur meine Frau und Eltern versorgen“, sagt er. Wegen des Giftgases laufen ihm noch immer Tränen aus den Augen, die er nicht kontrollieren kann. Er ist schon einmal im Bürgerkrieg vertrieben worden und nach Chan Scheichun geflohen. „Jetzt bin ich hier und habe kein Geld mehr. Was habe ich getan?“

Auch nach dem mutmaßlichen Giftgasangriff können viele Menschen noch nicht fassen, was passiert ist. Der Aktivist Abu Madschd al-Chani berichtet über Audionachrichten, am Friedhof der Stadt seien Frauen und Männer zu sehen, die ihre toten Kinder im Arm hielten. „Sie weigern sich, sie zu beerdigen, weil sie denken, sie werden bald wieder aufmachen.“ Giftgas lässt schließlich äußerlich kaum Spuren zurück. Die Toten sehen aus, als würden sie schlafen.

Er habe eine Frau in Schockzustand neben ihren toten Kindern gesehen, erzählt Abu Madschd: „Sie sagte ihnen: 'Ich weiß, ihr werdet aufwachen. Ich weiß, ihr werdet wieder spielen und zur Schule gehen. Mit Gottes Hilfe werdet ihr die Augen wieder öffnen'.“

Fast jede Familie Chan Scheichuns habe Opfer zu beklagen, erzählt Abu Madschd: „Die ganze Stadt ist eingehüllt in eine Wolke aus Trauer und Leid.“

dpa

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