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Brennpunkte Report: Zugriff im Morgengrauen
Nachrichten Brennpunkte Report: Zugriff im Morgengrauen
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19:44 31.10.2017
Ein Polizist sichert auf dem Balkon der Wohnung des Verdächtigen einen Stapel mit Papieren. Quelle: Jens Büttner
Schwerin/Karlsruhe

„Schöner Wohnen“ prangt in riesigen Lettern an der Seitenfront des Hochhauses am Eingang zum Schweriner Stadtteil Neu Zippendorf. Ein Versprechen, das die fünfgeschossigen, meist heruntergekommenen Plattenbauten dahinter kaum einlösen können.

Aber ums schöne Wohnen ging es dem unter Terrorverdacht festgenommenen Syrer vermutlich auch nicht. Graue Häuserfronten vermitteln Anonymität, aus der auch die wenigen Passanten, die an diesem ebenso grauen Feiertagsmorgen dort unterwegs sind, nicht heraustreten wollen.

So wie die Rentnerin, in deren Aufgang wenige Stunden zuvor ein junger Syrer unter dringendem Terrorverdacht festgenommen worden war und vor dem auch am Mittag noch ein Großaufgebot der Polizei den Eingang sichert. Schon im Sommer soll der 19-Jährige mit der Beschaffung von Bauteilen und Chemikalien für einen Sprengsatz begonnen haben. Am Dienstag schlugen die Ermittler nach mehrmonatiger Observation mit mehr als 100 Einsatzkräften zu.

Ihren Namen, nein, den wolle sie nicht nennen, sagt die Frau, erzählt dann aber doch freimütig, wie sie am frühen Dienstagmorgen aus dem Schlaf gerissen wurde, als die Polizei ins Haus stürmte. Lärm zu nächtlicher Stunde sei sie ja schon gewohnt, seit der junge Syrer in die Wohnung über ihr einzog. „Da haben sich oft junge Leute getroffen und bis in den Morgen laut geredet. Ich bin zu ihm und habe gesagt: Du musst Dich an die Regeln halten, wenn du hier leben willst. Er hat es versprochen. Aber es hat nicht funktioniert“, berichtet die Frau, die nach eigenen Angaben vor rund 20 Jahren mit ihrer Tochter aus der Ukraine nach Schwerin kam. Die Tochter habe studiert und lebe inzwischen in Süddeutschland.

Einen Weg, den auch schon viele Schweriner wegen besserer Verdienstmöglichkeiten gegangen sind. In den preiswerten Plattenbau-Wohnungen der südlichen Schweriner Vorstädte, bis 1989 heiß begehrt, leben heute vorwiegend Rentner, Umsiedler aus früheren Sowjetrepubliken und seit zwei Jahren zunehmend auch Asylbewerber.

Eine Entwicklung, die auch der Betreiber der Stadtteil-Kneipe „Pankow“ beschreibt. „Es gibt Tage, da wird hier kaum Deutsch gesprochen“, sagt er. Doch während die Umsiedler, die Ende der 1990er Jahre kamen, auch den Kontakt gesucht hätten, sei das bei den Flüchtlingen heute kaum der Fall.

Eine junge Frau passiert die am Morgen nur spärlich gefüllte Kneipe an der Stirnseite des Blockes, in dem es die Festnahme gab, und blickt fragend auf die vielen Polizisten. „Es ist Feiertag. Ich habe ausgeschlafen und noch kein Radio gehört“, erklärt sie. Dass in ihrer Nachbarschaft gerade ein Terrorverdächtiger festgenommen wurde, scheint sie wenig zu erschrecken. Zum einen zeige der Zugriff, dass die Ermittler ihre Arbeit machen. Zum anderen müsse sich erst noch erweisen, ob sich der Verdacht auch bestätigt.

Die Skepsis speist sich möglicherweise auch aus den Berichten über den Antiterroreinsatz vom Juli, als in Güstrow Wohnungen durchsucht und zwei Bosnier und ein Deutscher ebenfalls wegen möglicher islamistischer Anschlagsplanungen festgesetzt worden waren. Nach Auswertung der Funde sah die Bundesanwaltschaft aber keinen Grund mehr für Haftanträge. Zudem verweigerten die Gerichte ihre Zustimmung für die von der Landespolizei beantragte Ingewahrsamnahme der drei Männer. Das Vorgehen der Ermittler hatte ihnen viel Kritik eingetragen. Die zwei Bosnier wurden mittlerweile abgeschoben.

Dass es in kurzer Zeit in Mecklenburg-Vorpommern aber gleich zwei solcher Großeinsätze gegen mögliche Terroristen gab, beunruhigt einen Passanten dann doch. „So was erwartet man in Köln oder in Berlin. Aber nicht bei uns in der Provinz“, sagt der Mittvierziger. In der Schweriner Innenstadt habe es zwar häufiger Auseinandersetzungen unter Flüchtlingen und auch mit deutschen Jugendlichen gegeben. Ein Sprengstoffanschlag aber, an so etwas habe er bislang nicht denken wollen.

dpa

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