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Schock nach der Abstimmung: „Es wird Geschichte geschrieben“

London Schock nach der Abstimmung: „Es wird Geschichte geschrieben“

David Cameron hat mit dem Feuer gespielt - und sich verbrannt. Die Briten wagen den Sprung ins Ungewisse. Was wird aus Europa - und aus Cameron?

London. Sie haben es getan, sie haben es gewagt - und sie haben globale Schockwellen ausgelöst. Eiskalt haben die Briten die Tür zu Europa zugeknallt. Alle Warnungen haben nichts genutzt.

Ob US-Präsident Barack Obama, der Internationale Währungsfonds (IWF) oder die eigenen Banker in der Londoner City - nichts und niemand vermochte die Briten und ihren Wunsch nach dem Brexit zu bremsen.

„Es wird Geschichte geschrieben“, formuliert es eine Reporterin der BBC - die Fassungslosigkeit ist ihr ins Gesicht geschrieben. Die Kommentatoren reagieren ratlos. „Es wird eine Ewigkeit dauern, sich von diesem Sieg der Brexit-Fantasten zu erholen“, titelt die „Times“, normalerweise nicht gerade als Blatt der EU-Freunde bekannt. Millionen Briten wachen an diesem sonnigen Freitagmorgen auf und reiben sich die Augen: Was ist jetzt los?

David Cameron, Noch-Premier und großer Verlierer, braucht Stunden, ehe er Worte wiederfindet. Als er schließlich vor Downing Street No. 10 vor die Kameras tritt, redet er lange, spricht von der Liebe zum Land, wie stolz er ist, Premier zu sein.

Eher nebenbei erwähnt er, dass er wohl nur noch bis Oktober im Amt bleiben, mit der EU über den Ausstieg verhandeln will - in Brüssel dürfte er eher als Konkursverwalter empfangen werden. Camerons Stimme kling zeitweise etwas eigenartig - aber öffentliche Gefühlsbekundungen gehören bekanntlich nicht zu den britischen Charakterzügen.

Und nun? Mega-Krise in Brüssel, Wirtschaftskrise in Großbritannien, Turbulenzen an den Märkten? Eine dunkle Wolke der Unsicherheit zieht über die Insel und Festlands-Europa - vielleicht die dunkelste seit dem Bau der Mauer 1961 und dem Jugoslawien-Krieg Anfang der 1990er Jahre.  

Dabei hatte die Nacht so gut angefangen für Cameron, erste Zahlen sahen ihn vorn, zeitweise stieg das britische Pfund an den Finanzmärkten. Doch dann wurde die Nacht zur Zitterpartie, langsam aber stetig wendete sich das Blatt. Zug um Zug fuhr das Brexit-Lager Gewinne ein. Die Märkte reagierten prompt, innerhalb weniger Stunden sackte das Pfund auf den tiefsten Stand seit Jahrzehnten. Als die Sonne über London aufging, war klar: Die Stunde des Brexits hat geschlagen.  

Die Frage ist: Was hat die Briten trotz aller Warnungen zum „No“ zu Europa getrieben? Lange Zeit hätte sich kaum jemand träumen lassen, dass das Rausgehen-Lager jemals eine Mehrheit erzielen würde. Doch dann holten die Befürworter eines EU-Ausstiegs mächtig auf: In den vergangenen Wochen war es vor allem das Reizthema Migration, mit dem sie punkten konnten.

Die Flüchtlingsströme in Europa, die Migranten aus der EU - es war das Angstthema, das die Menschen ganz ähnlich auch in anderen Ländern umtreibt. In Skandinavien, in Frankreich, in Deutschland. Zugleich war es ein Thema, wie geschaffen, um Emotionen anzuheizen, Vernunft und Argumente ins Abseits zu drängen. Nicht nur Nigel Farage, Chef der rechtspopulistischen Ukip-Partei spielte auf dieser Klaviatur.

Man kann es das „Phänomen Farage“ nennen. Selbst Freunden im Brexit-Lager sind die Methoden des Hardliners mitunter suspekt. Ein Poster seiner Kampagne, das lange Menschenschlangen und das Wort „Breaking Point“ (Bruchstelle) zeigte, sorgte für Abscheu. Doch bei vielen Briten scheint er einen Nerv zu treffen.

Das Grundproblem: Selbst eingefleischte EU-Fans müssen zugeben, dass Europa in den vergangenen Monaten und Jahren nicht gerade in Top-Form war. Eurokrise, Flüchtlingskrise, mickriges Wachstum - will man einem solchen Club unbedingt angehören?

Ironie der Geschichte: Ausgerechnet die Briten - das Volk der Pragmatiker und Anti-Ideologen - ausgerechnet diese Briten schlitterten in einen Konflikt, der in einen Glaubenskrieg ausartete, der immer härter, immer verbissener geführt wurde.

Krude Sprüche, wilde Polemik und unhaltbare Anschuldigungen hatten ihre große Stunde. Boris Johnson, der wortgewaltige Brexit-Anführer, verglich das Einigungsbestreben der EU gar mit der Eroberungspolitik Hitlers und Napoleons.

Doch auch Cameron setzte auf Panikmache, gebetsmühlenhaft wiederholte er, dass die Wirtschaft beim Brexit geradewegs den Bach runtergehe, jonglierte mit Zahlen über Jobverluste, Wirtschaftseinbruch und Investitionsrückgang. Doch gegenüber den vermeintlichen Wunderheilern aus dem Brexit-Lager wirkte er blass, wie eine Krämerseele, ein Getriebener.

Denn es ging um mehr als um Wirtschaftszahlen und Wachstumsziffern, es ging bei dem Votum um etwas Tiefgründigeres. Johnson, Farage und ihre Leute nennen es „Souveränität“, wieder „Herr im eigenen Haus“ sein - klingt schwammig und ein bisschen nach altem Empire-Feeling.

„Hinter dem gegenwärtigen Aufruhr lauert ein verzweifeltes Bedürfnis nach nationaler Identität“, meint der Autor Geoffrey Wheatcroft im Londoner „Guardian“. Die Briten, dieses Inselvolk, das noch vor gar nicht so langer Zeit weite Teile des Globus beherrschte - was ist jetzt ihre Rolle in der Welt?

„Der Euroskeptizismus reicht vom kruden Rassismus über Abneigung gegenüber Immigranten bis zu ärmlichem Patriotismus und Sehnsucht nach imaginären versunkenen Zeiten“, meint Wheatcroft.

Und nun? Die EU steht vor der schwersten Krise ihrer Geschichte. „Business as usual“, einfach Weitermachen wie bisher, ist wohl kaum möglich, das räumte schon Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble ein, der einen Kurswechsel forderte. Doch wie soll der neue Kurs aussehen? „Die EU wird nie mehr so sein wie zuvor“, titelte die „Times“.

dpa

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