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Sieger Van der Bellen: Professor und ruhiger Europa-Freund

Wien Sieger Van der Bellen: Professor und ruhiger Europa-Freund

Politisch ist Österreichs neuer Bundespräsident ein Spätzünder: Erst nach einer langen Karriere in der Wissenschaft kam er über Umwege zu den Grünen. Eine „First Lady“ will er der Alpenrepublik nicht präsentieren - das passe nicht zu einem zeitgemäßen Frauenbild.

Wien. Polternde Auftritte sind nicht die Sache von Alexander Van der Bellen. Stets ruhig, sachlich und pragmatisch tritt der Sohn russisch-estnischer Einwanderer auf. Der 72-jährige Ex-Grünen-Chef und Wirtschaftsprofessor wurde nach einem Herzschlagfinale zum neuen österreichischen Präsidenten.

Mit seiner Art punktete der deklarierte Europa-Freund weit über die grüne Kernwählerschaft hinaus. Trotzdem musste er sich auf den letzten Metern fast noch seinem Kontrahenten, dem Kandidaten der rechten FPÖ, Norbert Hofer, geschlagen geben. Gerade mal 31 000 Stimmen machte sein Vorsprung schließlich aus.

Mit Hilfe vieler prominenter Namen aus Kunst, Kultur und Wirtschaft schaffte es der gebürtige Wiener, die Aufholjagd noch zu gewinnen. Viele Politiker anderer Parteien hatten sich für ihn ausgesprochen.

Dabei ist das Wahlkämpfen keine große Stärke des passionierten Rauchers. Nicht nur in sozialen Netzwerken: Auch der direkte Kontakt mit dem Bürger fällt ihm durchaus schwer; er wirkte manchmal müde und etwas entnervt. Das strahlende Siegerlächeln muss „VdB“ noch üben.

Nach einer langen Karriere an der Universität entschied sich der zweifache Vater erst spät für die aktive Politik. Die Besetzung der Hainburger Au von Gegnern eines Wasserkraftwerks an der Donau wurde 1984 zu einem politischen Wendepunkt für Van der Bellen. Er wechselte von den Sozialdemokraten zu den Grünen. 1994 zog er ins Parlament ein und wurde bald danach für elf Jahre Parteichef. Er schaffte es, die zerrissenen Grünen zu einen und zu ersten Erfolgen zu führen.

Zur Bundespräsidentenwahl trat er aber als Unabhängiger an. Obwohl er finanziell und personell stark von den Grünen unterstützt wurde, sei dies für ihn ein „symbolischer Unterschied“. Seine Gegner warfen ihm das als „Etikettenschwindel“ vor.

Van der Bellen hoffte stets auf einen Schulterschluss von Anhängern aller Parteien, um einen FPÖ-Bundespräsidenten zu verhindern. Er bezeichnete sich selbst für Unentschlossene als das „kleinere Übel“. Sein Programm gilt als Kontrapunkt zur FPÖ mit deren ausländerfeindlichen und EU-kritischen Tönen. „Widerstehen wir der Versuchung, die alten Zäune wieder hochzuziehen“, sagte er, fügte aber hinzu, es gebe keinen Platz mehr für Wirtschaftsmigranten.

Stark umstritten ist seine Ankündigung, als Präsident einen Bundeskanzler der FPÖ trotz Stimmenmehrheit nicht vereidigen zu wollen. „Der Bundespräsident ist verpflichtet, Schaden von Österreich abzuwenden, wenn es ihm denn gelingt“, rechtfertigte sich Van der Bellen.

Unrealistisch ist das Szenario nicht: Die Freiheitlichen sind in allen Umfragen seit Monaten mit Abstand die Nummer eins. Die knappe Schlappe Hofers könnte der Partei sogar noch Aufwind geben.

Van der Bellens Schwächen zeigten sich in direkten Konfrontationen mit seinem bestens geschulten Kontrahenten. In dem intensiven Medienwahlkampf hat sich Van der Bellen von Hofer in direkten Duellen immer wieder aus der Reserve locken lassen.

Im Wahlkampf setzt er auf den Begriff „Heimat“ - bislang ein Wort, das die FPÖ für sich und ihre Ausgrenzungspolitik einnahm. Werbeplakate zeigten ihn mit seinen Hunden in den Bergen im Tiroler Kaunertal. Seine Vorfahren mussten einst aus Holland auswandern und später aus Estland flüchten. Geboren wurde „VdB“ noch in Wien, bevor es in das kleine Dorf in den Bergen ging.

Sein Privatleben hält der ehemalige Freimaurer lieber bedeckt und auch eine „First Lady“ will er Österreich nicht präsentieren. Seine zweite Frau, die er vor wenigen Monaten geheiratet hat, werde ihren Beruf nicht aufgeben. Das passe nicht zum Frauenbild des 21. Jahrhundert, sagt Van der Bellen. Sie bleibe weiterhin Geschäftsführerin im Grünen Fraktionsklub.

dpa

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