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Stahlfusion: Vorwärtsstrategie oder Zerreißprobe?

Analyse Stahlfusion: Vorwärtsstrategie oder Zerreißprobe?

Der Betriebsrat fühlt sich überrumpelt, und Thyssenkrupp-Chef Hiesinger spricht von einer „Vorwärtsstrategie“. Beim Essener Konzern sorgt die Ankündigung einer Stahlfusion mit Tata für heftige Diskussionen. Entstehen soll ein neuer Stahlgigant in Europa.

Die Mitarbeiter von Thyssenkrupp kämpfen erbittert gegen die Stahlfsion mit Tata.

Quelle: Roland Weihrauch

Essen. Stimmungsvolle Bilder unterlegt mit schwungvoller Musik: Mit einem eigens produzierten Imagefilm sollten Beschäftigte und Pressevertreter bei Thyssenkrupp auf die Vorzüge eines geplanten Zusammenschlusses der Stahlsparte mit dem indischen Konkurrenten Tata eingestimmt werden.

Auch ein Rückblick auf die Fusion von Thyssen und Krupp vor bald 20 Jahren fehlt nicht. Konzernchef Heinrich Hiesinger sprach anschließend von einer „Vorwärtsstrategie“, mit der man der „Teufelsspirale“ von drückenden Überkapazitäten und immer neuen Restrukturierungs-Notwendigkeiten entkommen wolle.

„Wir wollen einfach vermeiden, dass sich der Stahl zu Tode restrukturiert“, begründete der Konzernchef seine Pläne. Gleichzeitig werde durch die Einbringung der Stahlsparte in ein Gemeinschaftsunternehmen die Eigenkapitalquote des Konzerns „signifikant“ verbessert, so dass mehr Spielraum für die Industriegeschäfte geschaffen werde, warb er eindinglich.

Doch die Pläne stoßen seit Monaten auf den erbitterten Widerstand von Betriebsräten und IG Metall. Sie fürchten durch den Zusammenschluss den Verlust von Tausenden Arbeitsplätzen und die Schließung ganzer Standorte. Der Sitz des neuen Unternehmens soll bei Amsterdam sein. Durch die überraschende Vorlage der Grundsatzvereinbarung für ein Gemeinschaftsunternehmen fühlt sich Betriebsratschef Günter Back am Mittwoch schlicht überrumpelt. Die Macher des Imagefilms seien eher über die Pläne informiert gewesen als die Belegschaft, beklagt er.

Eine Abstimmung über die Pläne im Aufsichtsrat, in dem zur Hälfte Mitglieder der Arbeitnehmerseite sitzen, wird es zunächst nicht geben. Doch vor einer möglichen Fusion muss Hiesinger das Vorhaben schließlich doch den Kontrolleuren zur Abstimmung vorlegen. Vor allem bei den Arbeitnehmervertretern wird er dabei viel Überzeugungsarbeit zu leisten haben. Der Dialog werde in der kommenden Woche beginnen, kündigte Hiesinger an.

Insgesamt sollen zunächst rund 4000 Arbeitsplätze wegfallen, davon etwa die Hälfte in Deutschland. Doch während bei Tata der indische Anteilseigner nach den Worten von Europa-Chef Hans Fischer bereits heute hinter einem möglichen Zusammenschluss steht, haben die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat des Essener Konzerns zunächst eine Ablehnung der Pläne angekündigt.

Die Stimmung in den Betrieben sei „aufgeladen“, berichtete Back. Beschäftigte hätten ihre Arbeitsplätze verlassen, so dass es bereits zu Einschränkungen bei der Produktion gekommen sei. Zuvor hatte bereits die „Rheinische Post“ über Aktionen der Belegschaft berichtet.

Kritische Stimmen kommen aber auch aus der Politik und der Gewerkschaft IG Metall. Während der NRW-IG-Metall-Chef Knut Giesler die Sicherung von Arbeitsplätzen und Standorten forderte, mahnte Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) angesichts der „großen Tragweite“ der Entscheidung für die Region eine Verständigung an. „Gegen die Arbeitnehmer ist keine tragfähige Lösung denkbar“, forderte sie. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz sprach sich für den Erhalt des Firmensitzes in Deutschland aus.

Positive Signale kamen indes aus der nordrhein-westfälischen Landesregierung „Die Fusion bietet aus heutiger Sicht eine gute Perspektive für den Standort Nordrhein-Westfalen“, sagte Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) in Düsseldorf. So könne „ein Optimum an Arbeitsplätzen gesichert werden“.

dpa

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