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Brennpunkte Trumps Weg zum Präsidenten
Nachrichten Brennpunkte Trumps Weg zum Präsidenten
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08:42 16.01.2017
Wenige Tage vor der Amtseinführung des künftigen US-Präsidenten Donald Trump klebt bei einer Generalprobe für die Veranstaltung vor einem Stuhl ein Zettel mit der Aufschrift „President-elect Donald Trump“. Quelle: Patrick Semansky
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Washington

Vielleicht muss diese Geschichte mit den Stufen beginnen. Den Stufen der Rolltreppe in New York, mit der alles losging, damals im Juni 2015, als Donald Trump das erste Mal laut aussprach, dass er Präsident werden wolle.

Den Stufen des Kapitols, wo sich der Kreis am Freitag schließen wird. Hier oben wird er stehen und den Amtseid ablegen. Die rechte Hand zum Schwur erhoben, die Worte ein Versprechen ans amerikanische Volk. Hillary Clinton wird im Publikum sitzen, mehrere Kongressabgeordnete wollen der Zeremonie fernbleiben.

Hinter Trump wird der weiße Kuppelbau liegen, die Krone dieses sanften Hügels, in dessen Inneren eine kleine Bahn zwischen Senat und Repräsentantenhaus hin- und herfährt. Vor ihm die Stadt mit ihren in Stein gemauerten Gelöbnissen, die Demokratie zu ehren und die Freiheit zu verteidigen. Zu seiner Linken in der Ferne das Pentagon, die Schaltzentrale dieser riesigen Militärmaschinerie, deren Oberbefehlshaber er dann sein wird.

Die Bühne ist längst aufgebaut. Die Plastikstühle für die Gäste stehen, Dutzende Klohäuschen ebenso. Arbeiter haben auf den grünen Kabinen den Namen der Firma abgeklebt: „Don's Johns“. Es klingt wohl zu sehr wie Donald John Trump.

Der Januar ist ein komischer Monat in Washington. Mal fällt Schnee, mal riecht es nach Frühling, an einem Morgen wenige Tage vor der Amtseinführung regnet es. Der Himmel über dem Kapitol ist grau, die Sternenbanner hängen schlaff nach unten. Ein Doppeldeckerbus rollt von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten, sein Aussichtsdeck ist leer.

Wie eine Tangente führt die Pennsylvania Avenue vom Kapitol zum Weißen Haus. Hier wird die Parade entlang führen, die Trump nach dem Amtseid ins Weiße Haus geleitet. Es ist noch nicht ganz klar, ob er laufen wird oder in einem Auto sitzt.

Er wird am Newseum vorbeikommen. Es ist ein mächtiger Glasbau, ein Museum den Medien gewidmet. An seiner Fassade prangt der erste Zusatzartikel der Verfassung. Jene Worte, die es dem Kongress verbieten, Gesetze zu verabschieden, die die Meinungs- und Pressefreiheit einschränken. Trump hat über Journalisten gesagt, sie seien die niedrigste Form des Daseins. Ihre Fragen ließ er allzu oft unbeantwortet. Er beschimpfte und beleidigte sie.

Die Parade wird ihn am Nationalarchiv vorbeiführen, wo in einer großen abgedunkelten Halle hinter Panzerglas die Unabhängigkeitserklärung, die Verfassung und die Bill of Rights liegen. Es gibt Zweifel, ob Trump die Gründungsdokumente je gelesen hat.

Unter den Schätzen des Archivs sind Telegramme, die frühere Präsidenten an Politiker in Europa schickten. Wie der Brief, den John F. Kennedy 1962 an Willy Brandt schrieb, damals Regierender Bürgermeister von Berlin.

Es sind Relikte aus alten Zeiten. Trump macht Weltpolitik in 140 Zeichen. Was für Stilblüten das zuweilen treibt, konnte man vor ein paar Tagen sehen, als die russische Botschaft in Washington in ihrem Twitterkanal eine Nachricht des Republikaners weiterverbreitete, in der er den russischen Präsidenten Wladimir Putin dafür gelobt hatte, keine amerikanischen Diplomaten ausgewiesen zu haben.

Nicht weit entfernt liegt das Hauptquartier des FBI. Ein sandfarbener Klotz mit getönten Fensterscheiben. Irgendwo da drinnen steht der Schreibtisch von James Comey. Der FBI-Chef spielte während des Wahlkampfes keine unerhebliche Rolle. Im Sommer stellte er die Ermittlungen gegen Hillary Clinton wegen der E-Mail-Affäre ein. Wenige Tage vor dem Wahltag erklärte er überraschend in einem Brief an Senatoren, es seien neue E-Mails aufgetaucht, die untersucht werden müssten. Das schadete Clinton sehr.

Es ist eine dieser Seltsamkeiten, dass die Parade den Präsidenten als nächstes an einem Gebäude vorbeiführen wird, an dem in goldenen Lettern sein eigener Name prangt. Das Hotel im alten Postamt ist das jüngste Prestigeobjekt des Trump-Imperiums. Mit seinem rauen Mauerwerk und den Ecktürmchen wirkt es wie eine Trutzburg. Im Inneren offenbart sich eine Einrichtung, die dem Stil von Ludwig XIV. nachempfunden sein könnte: viel Gold, viel Marmor, viel Samt. Die Kronleuchter sind aus Kristall. Die Tasse Kaffee und ein Croissant kosten 13 US-Dollar.

Trump hat versprochen, sich komplett aus den Geschäften rauszuziehen. Aber statt seine Firmen in eine unabhängige Treuhandgesellschaft auszulagern, will er lediglich auf Investitionen im Ausland verzichten und die Kontrolle an seine Söhne abgeben. Experten halten das für unzureichend.

In diesen Tagen übernachten des Öfteren Diplomaten in dem Hotel - wohl in der Hoffnung, daraus politisches Kapital schlagen zu können. Schon vor der Wahl warb man mit einem Paket für die Amtseinführung. Wer am 20. Januar im Townhouse logieren möchte, musste eine halbe Million Dollar zahlen.

An einem Gebäude gegenüber hängt ein Banner. „Welcome, Mr. President“ steht darauf. In einem Souvenirshop gibt es die passenden Accessoires für den 20. Januar: Trump im Miniaturformat, T-Shirts mit seinem Konterfei. Ein Poster erinnert an sein Versprechen, Amerika wieder groß machen zu wollen. Die Tassen mit dem Gesicht von Hillary Clinton sind um 75 Prozent reduziert.

Kurz vor dem Ziel macht die Straße noch einmal eine Abzweigung nach rechts. Trump wird das Finanzministerium passieren, dem die IRS unterstellt ist, die Steuerbehörde. Er weigert sich bis heute, seine Steuererklärung offenzulegen.

Es sind nur noch wenige Meter, dann wird er am Ziel sein. Das Weiße Haus, es liegt wie hingemalt da. Mächtig und erhaben. Erwartungsvoll.

dpa

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