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Über meinen Freund

Brüssel Über meinen Freund

Es ist dieser Moment, in dem man auch als Berichterstatter spürt: Ich schreibe hier nicht nur über ein solch furchtbares Ereignis, es berührt mich auch. 

Fast jeden Tag fahre ich genau diese Strecke mit der Metro-Linie 5, steige in Maelbeek aus.

Quelle: dpa

Brüssel. Schnell gehen die ersten Fragen ein: „Bist du okay?“ „Geht es dir gut?“ Ich verstehe, dass ich mich melden muss, dass ich sagen kann: „Macht euch keine Sorgen.“ Details müssen nicht sein, sie könnten beunruhigen, verstören. Wie oft habe ich selbst in die Flughafenhalle eingecheckt? Fast jeden Tag fahre ich genau diese Strecke mit der Metro-Linie 5, steige in Maelbeek aus. Es ist der kürzeste Weg zum Europäischen Parlament. Noch denke ich nicht weiter. Das kommt noch, später, doch nicht in diesem Augenblick. Da weiß ich noch nicht, wie hart mich die Erkenntnis treffen wird.

Über elf Jahre lebe ich in dieser Stadt, habe sie lieben gelernt. Ich habe Bekannte, Freunde gefunden. „Bist du in Ordnung?“, fragt mich die Nachbarin, die sich in meiner Abwesenheit um meine Post kümmert, per SMS aus ihrem Argentinien-Urlaub. Ich bin bewegt, berührt von der Sorge um mich. Sie ist begründet. Als ich am Morgen nach den ersten Meldungen mit dem Auto zum Flughafen gefahren bin und wegen der Sperrungen nicht weiter kam, kehrte ich um. Die Metro-Station Maelbeek passierte ich, als es einen heftigen Schlag gab. Dann quoll Rauch aus dem Eingang. Es ist seltsam, dass der Kopf so lange braucht, um das, was einem gerade passiert, zu verstehen, einzuordnen, zu reagieren. Ich hatte Glück? Oder habe ich das, was da gerade passiert nur geträumt? Zurück im Büro sehe ich die Bilder des verkohlten, ausgebrannten Wracks der Metro, in der der Sprengsatz detonierte. Ich weiß, wie man da an den Türen steht, kurz bevor der nächste Bahnhof erreicht ist. Dort sind alle gestorben, fährt es mir in die Glieder. Das Zittern kommt erst jetzt. Für ein Glücksgefühl reicht es nicht. Ich denke an die, die dort drinnen standen, die einfach nur zu Arbeit wollten. Es ist dieser Moment, der mich wachrüttelt. Was ist mit denen Freunden und Bekannten? Kurznachrichten, SMS, Whatsapp-Mitteilungen werden versendet. Im Kopf beginnt man nachzuhalten, wer alles reagiert hat. Doch eine Antwort bleibt aus. Es ist ein Schock, der erst langsam einsetzt, weil man nicht glauben kann, dass Ereignisse auch einen selbst betreffen könnten. Doch ich warte vergebens. Irgendetwas weigert sich, das Undenkbare zuzulassen. Es folgen Anrufe, bei gemeinsamen Bekannten, bei Freunden, die uns beide kennen. Ohne Erfolg. Irgendwo habe ich die Nummer der belgischen Zentrale, die über Opfer Auskunft gibt. Der erste Anruf bleibt ohne wirkliche Hilfe. „Es ist zu früh, wir können noch nichts sagen.“ Immer wieder spielt man im Kopf die verschiedenen Möglichkeiten durch. Er wollte zu dem Termin, zu dem ich auch angemeldet war. Er könnte die Metro genommen haben. Ich hätte das Gleiche getan. Er müsste eigentlich dort ausgestiegen sein, wo die Bombe...  Nein, so etwas darf man nicht denken. Zwei Stunden später weiß ich, dass ich so denken muss. „Ja, es tut uns sehr leid“, sagt eine mitfühlende Stimme am Telefon.

„Es ist bestätigt.“ Für einen langen Augenblick verliert der Berichterstatter die professionelle Distanz, die man zu den Geschehnissen haben sollte. Für ein paar Minuten sind da nicht als Betroffenheit, Wut und Tränen. Ich kann nicht denken „Das hätte auch meine Metro sein können“. Ich kann nur wütend sein, betroffen, still. Alles gleichzeitig und doch alles für sich. Irgendwann finde ich meine Worte wieder. Es gibt Termine, einen Zeitpunkt, bis zu dem ich fertig sein muss. Als der letzte Buchstabe über den Tag, an dem in Brüssel Krieg herrschte, geschrieben ist, weiß ich, dass auch ich etwas verloren habe: einen sehr guten Freund. Er wird mir fehlen. Detlef Drewes, Brüssel

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