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Von Lügen und Loyalität: Comeys Bekenntnisse

Spektakuläre Anhörung Von Lügen und Loyalität: Comeys Bekenntnisse

Eine Anhörung wie ein Krimi. Knisternde Spannung, als Amerikas gefeuerter FBI-Chef zur Russland-Affäre aussagt. Was James Comey über Donald Trump zu Protokoll gibt, ist wie das Drehbuch eines Kinofilms.

Ex-FBI-Chef James Comey legt den Eid vor einem US-Ausschuss ab.

Quelle: Carolyn Kaster/archiv

Washington. Diese Anhörung wird in die Geschichte eingehen. Ja, sagt der gefeuerte FBI-Chef James Comey, Donald Trump habe gehofft, er werde Ermittlungen gegen seinen nationalen Sicherheitsberater Mike Flynn fallenlassen.

Ja, der Präsident der USA habe seine Loyalität eingefordert, als es um seinen Verbleib an der FBI-Spitze ging. Ja, er habe ein Memo über ein Gespräch zwischen ihm und Trump enthüllt. Die US-Regierung: Lügner. Gänsehautmomente.

Kaum jemals in der US-Geschichte dürften so viele Bürger eine Senatsanhörung verfolgt haben, wird doch hier nicht nur die Russland-Affäre um eine Einmischung in die Wahl 2016 verhandelt, die Comey im Übrigen komplett bestätigt. Hier geht es um das Vertrauen in Amerikas System. Seine Führung, seine Institutionen, seine politische Kultur. Die drei öffentlichen Stunden sind von schneidender Sachlichkeit und glühender Intensität. Alle Seiten bemühen sich um Überparteilichkeit.

Hier sitzt ein tief verletzter Mann, der keinen Grund hat, sich zurückzuhalten. Um 10.18 Uhr Ortszeit wird der Privatmann Comey als Zeuge vereidigt. Mit geradem Rücken gibt er ein vierminütiges, leidenschaftliches Eingangsstatement ab.

Schlüsselzitat: „Die Regierung hat sich dazu entschieden, mich zu diffamieren. Und wichtiger noch, das FBI. Das waren Lügen. Schlicht und einfach. Es tut mir so leid, dass das FBI und das amerikanische Volk sie hören mussten.“

Wer die am Vortag verbreiteten sieben Seiten Bekenntnis des James Brien Comey liest, weiß phasenweise nicht mehr, ob er ein Drehbuch für einen Politthriller vor sich hat oder die öffentliche Erklärung des geschassten obersten Polizisten der USA. Das Dauerfeuer der Skandale, Widersprüche, Eigenartigkeiten und Brüche in der Präsidentschaft Donald Trumps, es hat viele Maßstäbe verrückt.

Comey fand es nötig, jede Interaktion mit dem Präsidenten sofort in einem Memo festzuhalten. Warum? Comey: „Ich war aufrichtig besorgt, dass er über die Art unserer Treffen lügen würde.“

Seine Berichte beschreiben bizarre Situationen. Wie er mit einem Abendessen in größerem Kreis rechnet, sich aber alleine mit Trump im Green Room des Weißen Hauses wiederfindet, an einem kleinen ovalen Tisch, an dem er unversehens um seinen Job ringen und irgendwie auch des Kaisers Ring küssen soll. Das erstere tut er, letzteres nicht, vermutlich einer der Gründe für seinen Rauswurf.

Comey bestätigt vieles, was in den weidlich gefütterten US-Medien seit Wochen kursiert. Das Weiße Haus gibt sich selbstsicher, Comey habe ja bestätigt, dass gegen Trump selbst nicht ermittelt werde, es sei also alles in Butter und man könne nach vorne schauen. Trump wähnt sich sicher. Es hängt an seiner Partei, wie es weiter geht.

Mit Blick auf die nahende Sommerpause werden manche Republikaner unruhig. Nicht ein großes Gesetzesvorhaben ist dort, wo es ihrer Ansicht nach angesichts der Mehrheitsverhältnisse in Weißem Haus und Kongress sein sollte.

Comeys Entlassung, die Russland-Affäre, der Wahlkampf 2016, all das ist den Republikanern ein Bleischuh, der Tagespolitik und Zukunftsfähigkeit behindert. Trumps Zustimmungswerte im Volk sind weiter abgesackt.

Dennoch bleibt es dabei: Solange die Republikaner zu ihrem Präsidenten halten, geschieht ihm nichts. Bizarre Telefonate oder Treffen mit Comey hin oder her. In der heißesten Frage der Anhörung, ob Trump aktiv die Justiz behindert habe, weicht Comey aus. Sonderermittler Robert Mueller müsse das herausfinden. Und das werde er auch tun.

Comeys Notizen zeichnen einen Donald Trump mit selbstbewusstem Auftritt und reichlich Chuzpe einerseits, der Unbedarftheit des Polit-Novizen im juristischen Unterholz und dem Gebaren eines Baulöwen andererseits. „Er wollte etwas im Austausch für seine Loyalität zu mir“, sagt Comey.

Es geht aber nicht nur um den Stil eines Politikers, so sehr sich manche daran reiben mögen. In Trumps nun offensichtlichen Versuch, laufende Ermittlungen gegen seinen Ex-Sicherheitsberater Mike Flynn einzustellen, sehen nicht wenige eine Behinderung der Justiz.

Comey ist ein über Jahre in der Wolle gefärbter, loyaler Staatsdiener. Er wusste gar nicht, wo er sich bei Trumps Ansinnen lassen sollte. „Pass auf, was Du jetzt sagst“, habe er gedacht. Dann bat der FBI-Chef den Justizminister, er wolle mit dem Präsidenten nicht mehr alleine sein. Das hat es so auch noch nicht gegeben.

Warum, wird Comey an diesem denkwürdigen Donnerstag mehrfach gefragt, warum um alles in der Welt habe er denn nie früher über all das berichtet? Ja, sagt Comey, das wäre besser gewesen. Er sei aber einfach zu verblüfft gewesen und zu durcheinander, um zu sagen: Stop, Mr. President. Das dürfen Sie nicht tun.

Es scheint glaubhaft, dass Trump nicht selbst mit Russland zu tun hatte, als es um eine Beeinflussung der Wahl 2016 ging. Der Präsident habe aber die Schwierigkeiten beklagt, die ihm entsprechende Ermittlungen machten, kommer er doch gar nicht richtig zum Regieren. Comey sagt, er müsse als Grund für seine Entlassung vermuten, dass es um die Russland-Ermittlungen ging.

Beim Auftritt im restlos überfülltem Senatssaal gibt Comey sich ganz als der aufrechte Karrierebeamte. Sein schriftliches Statement war mitunter etwas dramatisch gehalten. „Als sich die Tür in der Nähe der Standuhr schloss und wir alleine waren, sagte der Präsident ...“ - hat Comey das mit Absicht auf Effekt getrimmt oder ist es schlicht die akribische Art eines fanatischen Notizenmachers?

Zeugen aus dem Oval Office schicken, leise Drohungen, Anrufe, in denen Andeutungen wiederholt werden - „ich brauche Loyalität, ich erwarte Loyalität“. Viele Kommentare in US-Medien und sozialen Netzwerken ziehen Parallelen zwischen Trumps Verhalten, so wie Comey es berichtet, und Mafia-Filmen.

Dieser Donnerstag lieferte historische Stunden im amerikanischen Polit-Fernsehen. In Washington öffneten Theken eigens früher, schenkten Wodka aus, wegen Russland. Eine Bar versprach eine Lokalrunde für jeden Kommentar-Tweet des Präsidenten. Die Gäste gehen leer aus, Trump bleibt während der Anhörung ganz still. Ein „normaler Donnerstag“ sei das gewesen im Weißen Haus, sagt eine Sprecherin.

All die Aufregung wird aber mindestens auf kurze Sicht wenig an der Lage des Landes oder seines Präsidenten ändern. Die eine Hälfte wird noch lauter nach einer Amtsenthebung Trumps rufen, aber ein Impeachment ist sehr schwierig und sehr fern. Trump wähnt sich sicher, glaubt doch die andere Hälfte Comey gar nichts. Auf sie baut er. Comey sagt noch aus, da sagt Trump in einer Rede: „Wie die Bibel uns lehrt, könne wir darauf vertrauen, dass die Wahrheit siegen wird.“

dpa

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