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Warum der IS in Europa gefährlich bleibt

Fragen und Antworten Warum der IS in Europa gefährlich bleibt

Mit Terroranschlägen wollen die IS-Extremisten ihre militärischen Niederlagen kompensieren. Ein baldiges Ende der Miliz ist nicht in Sicht. Sie profitiert zu sehr von der Schwäche ihrer Kontrahenten.

Am 4. Juli 2016, dem französischen Nationalfeiertag raste in Nizza ein Attentäter mit einem Lastwagen in eine Menschenmenge.

Quelle: Andreas Gebert

Barcelona. Paris, Brüssel, London, Berlin, Barcelona - immer wieder erschüttert die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) Europa mit Terror. Anschläge sind für die Extremisten eine der wichtigsten Mittel im Kampf gegen seine Feinde.

Der IS hat in Syrien und im Irak zahlreiche Rückschläge erlitten. Wie stark ist die Organisation noch?

Als die Dschihadisten vor mehr als drei Jahren die nordirakische Großstadt Mossul überrannten, erreichte die Macht des IS ihren Höhepunkt. Die Terrormiliz kontrollierte riesige Gebiete im Irak und in Syrien. Den größten Teil davon hat sie mittlerweile wieder verloren, nicht zuletzt durch die Militärhilfe der US-geführten Anti-IS-Koalition für lokale Kräfte. Die militärische Niederlage der Dschihadisten in beiden Ländern scheint nur noch eine Frage der Zeit.

Besiegt ist der IS damit aber noch lange nicht. Es ist damit zu rechnen, dass die Extremisten untertauchen und auf eine Guerilla-Taktik setzen - so wie sie es früher schon erfolgreich getan haben. Die Unzufriedenheit bei vielen Menschen in beiden Ländern ist weiterhin so groß, dass der IS nach wie vor Sympathisanten findet.

Warum setzt der IS auf Terroranschläge?

Die Ausrufung des Kalifats vor drei Jahren in Syrien und im Irak war auch eine Machtdemonstration. Einen eigenen „Staat“ zu gründen hatte noch nicht einmal das Terrornetzwerk Al-Kaida geschafft. Diese Stärke wirkte auf viele Sympathisanten attraktiv, in Scharen zogen Dschihadisten aus aller Welt in die Kampfgebiete.

Jetzt versucht der IS, die militärischen Niederlagen durch Terroranschläge zu kompensieren. So will er seinen Anhängern vermitteln, dass er weiterhin mächtig und fähig zum Kampf ist. Für Anschläge brauchen die Extremisten auch keine ausgefeilte Logistik, ein Fahrzeug als Tatwaffe reicht aus. In Internetpublikationen gibt der IS Anweisungen, wie die Attentate am besten auszuführen sind.

Dabei profitiert die Terrormiliz von der medialen Aufmerksamkeit, die die Anschläge weltweit erhalten. Zudem hat er das Ziel, die Gesellschaften seiner Gegner zu zersetzen und zu zerstören in der Hoffnung, von Unsicherheit und möglichem Chaos zu profitieren.

Warum wird Europa immer wieder Ziel von Anschlägen?

Zahlreiche europäische Länder gehören zur internationalen Anti-IS-Koalition, in dem der IS ein Bündnis von „Kreuzfahrern“ sieht, die den Islam zerstören wollen. Spanien steht nicht zuletzt auch deshalb im Fokus, weil die Iberische Halbinsel im Mittelalter als Al-Andalus über Jahrhunderte von Muslimen beherrscht wurde. Unter Einwohnern aus Migrantenfamilien, Migranten und Konvertiten findet der IS zudem in Europa potenzielle Attentäter.

Terroranschläge sind auch ein Mittel der asymmetrischen Kriegsführung. Militärisch ist der IS seinen Gegnern unterlegen - mit Attentaten versuchen die Extremisten aber, sie zu zermürben. Dabei gibt es allerdings in etlichen islamischen Ländern viel häufiger Terrorangriffe als in Europa. In der irakischen Hauptstadt Bagdad gehen manchmal täglich Bomben des IS in die Luft.

Nehmen die Anschläge ein Ende, wenn der IS in Syrien und im Irak militärisch besiegt ist?

Davon ist nicht auszugehen. Im Gegenteil: Ein militärisch besiegter IS könnte noch viel häufiger auf Terrorangriffe setzen. Selbst wenn die wichtigsten Köpfe des IS sterben sollten, bleibt die radikale Ideologie der Extremisten erhalten. Über das Internet wird sie von unzähligen Helfern weltweit dezentral verbreitet - Einhalt lässt sich dem kaum gebieten. Zudem hat der IS mittlerweile in zahlreichen anderen Ländern Fuß gefasst, von denen aus er agieren kann.

Was muss passieren, um den IS endgültig zu zerschlagen?

Nicht seine eigene Stärke hat den IS groß gemacht, sondern die Schwäche seiner Gegner. Beispiel Irak: Der von korrupten Eliten beherrschte Staat erfüllt schon seit langem seine Aufgaben nicht mehr. Die von der Mehrheit der Schiiten dominierte Regierung diskriminiert die Sunniten und vernachlässigt seit Jahren ihre Regionen - ein Nährboden für die Ideologie des sunnitischen IS.

Die politische Elite des Öl-Reiches steht in dem Ruf, nur sich selbst zu bereichern. Korruption verhinderte auch, dass die nach dem Sturz von Langzeitherrscher Saddam Hussein zerschlagene Armee wieder ausreichend aufgebaut wurde. Erst wenn diese Probleme an der Wurzel gelöst sind, kann auch der IS tatsächlich zerschlagen werden.

dpa

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