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Wenn Schule zum Spießrutenlauf wird

Mobbing-Opfer im PISA-Fokus Wenn Schule zum Spießrutenlauf wird

Mobbing unter Schülern ist vielfältig und auch in Deutschland längst kein Randphänomen mehr. Gegen die Spießrutenläufe in Klassenzimmern und auf Schulhöfen empfehlen Experten eine „Null-Toleranz-Praxis“ und mehr flächendeckende Konzepte.

„Für manche ist die Schule ein Ort der Qual“, schreibt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Quelle: Oliver Berg/archiv/symbolbild

Berlin. In Waibstadt steht Mobbing auf dem Stundenplan. Die Realschule des Städtchens in Baden-Württemberg beteiligt sich an einem Pilotprojekt der Uni Heidelberg im Kampf gegen teils brutale körperliche oder seelische Misshandlungen von Kindern und Jugendlichen durch ihre Mitschüler.

Dort passiert im Kleinen, was OECD-Bildungsforscher jetzt mit Blick auf alarmierende neue PISA-Daten auch für Deutschland eindringlich fordern: dass es endlich gemeinsame Kraftanstrengungen geben muss gegen systematisches Mobbing an Schulen. Also gegen die kleinen Fiesheiten und Hänseleien im Unterricht oder bewusst gestreute Gerüchte im Internet, gegen eiskalte soziale Ausgrenzung und regelmäßige „Keile“ für Außenseiter.

„Für manche ist die Schule ein Ort der Qual“, schreibt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Deren Bildungsdirektor Andreas Schleicher sieht angesichts zigtausender Mobbing-Opfer erheblichen Handlungsbedarf. Der Anteil Betroffener an deutschen Schulen sei sehr hoch, „gerade wenn man sich nicht nur das physische Mobbing anschaut. Beim sozialen und psychologischen Mobbing sind die Größenordnungen viel stärker ausgeprägt“, sagt der Leiter vieler PISA-Studien im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. „Das ist kein Randphänomen.“

Aus der am Mittwoch veröffentlichten PISA-Sonderauswertung zum Lernumfeld von 15-Jährigen in aller Welt geht hervor, dass hierzulande fast jeder sechste Neuntklässler (15,7 Prozent) mehrfach im Monat zum Mobbing-Opfer wird. Die umfangreiche Studie stellt fest, dass regelmäßig Betroffene insgesamt weniger Lebensfreude empfinden, aber auch ein geringeres Zugehörigkeitsgefühl für die eigenen Schule. Zudem sei das Lernklima für sie oft so schlecht, dass sich das Mobbing-Problem auf die Schulleistungen auswirke.

Im Schnitt aller OECD-Teilnehmerländer ist nahezu jeder Fünfte (18,7 Prozent) betroffen. Besonders schlimm scheint die Lage in Hongkong, Lettland und der Dominikanischen Republik zu sein, wo sich jeweils über 30 Prozent der Schüler als häufige Mobbing-Opfer sehen. Einigermaßen entspannt mit Betroffenenquoten um die zehn Prozent geht es laut OECD-Zahlen in den Niederlanden, Taiwan, Portugal, Island und Südkorea zu.

Zurück nach Deutschland. Hier müsse Mobbing „viel stärker“ als bisher zum Thema werden, sagt PISA-Experte Schleicher. „Da hilft nur eine Null-Toleranz-Praxis, um deutlich zu machen, dass so etwas nicht akzeptiert wird.“ Alle Beteiligten sollten dafür an einen Tisch - die Schulleitungen, die Lehrer, die Eltern und natürlich die Kids.

Was Lehrer besser machen können - dazu haben der Bildungsforscher Wilfried Schubarth (Uni Potsdam) und der Psychologe Ludwig Bilz (Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg) einige Antworten gefunden. Mit ihren Teams befragten sie für eine kürzlich erschienene Studie gut 2000 Schüler und 550 Pädagogen in Sachsen: Wie reagieren Lehrer in Mobbing-Situationen, welche Auswirkungen hat ihr Handeln, wie könnte die Kompetenz beim Eingreifen gestärkt werden?

„Wir haben herausgefunden, dass Lehrkräfte besonders dann intervenieren, wenn ihr Verständnis von Gewalt breit ist, und sie beispielsweise soziale Ausgrenzung und Hänseleien erkennen“, sagt Bilz. „Lehrer, deren Verständnis für Gewalt sich auf körperliche Gewalt beschränkt, greifen seltener ein.“ Ein weiterer Befund: Kooperationen mit Kollegen oder der ganzen Klasse sowie langfristige Maßnahmen auf Klassen- oder Schulebene sind eher selten - obwohl dies am nachhaltigsten wäre. „Bisher dominieren Hilfsangebote für Einzelne in der Praxis, während nur knapp 20 Prozent der Schülerschaft von kooperativen Angeboten berichten“, berichtet Schuberth.

Als sinnvolles Projekt mit deutlich sinkenden Mobbing-Raten an Schulen gilt das Olweus-Präventionsprogramm. Die Methode des norwegischen Psychologen Dan Olweus wird derzeit auch an der Realschule Waibstadt getestet.

„Olweus“ diene „vor allem der Verbesserung des Schulklimas und des Sozialverhaltens an Schulen“, sagte Michael Kaess, Psychologe am Uniklinikum Heidelberg und Projektleiter, kürzlich dem Deutschlandfunk. „Und es ist ein Programm, das bewusst darauf abzielt, die gesamte Anzahl aller an einer Schule sich befindenden Menschen zu involvieren. Also von der Schulleitung über die gesamte Lehrerschaft, anderes Schulpersonal, Schüler, Eltern.“

Genau dies empfiehlt jetzt auch die OECD für einen konsequenten Anti-Mobbing-Kampf, um das psychische oder physische Spießrutenlaufen an deutschen Schulen deutlich zu verringern. Wichtig sei unmittelbares Eingreifen, so Kaess. „Mobbing lebt von Zuschauern – es darf nicht cool sein, Klassenkameraden zu drangsalieren.“

dpa

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