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Weshalb lieben wir Krimis?

Mord und Totschlag im Fernsehen Weshalb lieben wir Krimis?

Schuss mit lustig: Das lustvolle Gruseln hilft, den Panikmuskel zu trainieren.


Quelle: iStockphoto

Berlin. Es knackt. Ein Schatten huscht vorbei. Da ist es, das Böse. Es dringt in unser Haus ein, in unser Leben. Es will unser Geld, unser Blut, unsere Seelen. Sonntag, 21.23 Uhr. Zehn Millionen Menschen in lustvoller Unruhe. Deutschland sitzt auf dem Sofa. Mit Serienmördern, Vergewaltigern, Sadisten. Und mit seinen Ängsten.

Die Deutschen und der Krimi. Kein Volk der Welt lässt sich so gern vom Bösen kitzeln. 373 reale Morde geschahen 2016 zwischen Gelsenkirchen und Görlitz. 3500 frische Krimis erscheinen pro Jahr, Tendenz stark steigend. Der fiktive Blutzoll übersteigt den echten um das Zehnfache. 20 000 Krimis sind aktuell lieferbar. In der Lust am Leid spiegelt sich die deutsche Seele, die sich an wenig so sehr ergötzen kann wie an ihrer eigenen Angst. Ein Mordsspaß.

Es gibt viel Angst in diesem Land. Vor Globalisierung, Überfremdung, Atomkrieg, Finanzkrise. Vor sozialer Not, eiskaltem Kapitalismus und diffusen Bedrohungen des Status quo. Angst ist ein starker sozialer Kitt. Kollektive Furcht schafft Gemeinschaft. Der „Tatort“ dient als emotionales Aufräumkommando nach dem realen Grusel der „Tagesschau“ – als psychologische Rückversicherung, dass am Ende alles gut wird. Vorn die Leiche, hinten der Mörder, gute Nacht. Dazu die „Tatort“-Teams mit ihrer eheähnlichen Gruppendynamik. Alltag trifft Ausnahmezustand.

Es wird massenhaft gemeuchelt: in Sherlock-, Urbino- und Istanbul-Krimis, in True-Crime-Hochglanzmagazinen am Kiosk, in Tausenden Büchern mit Blutlachen, schwarzen Dornen und Messern auf dem Titel, in Eifel-, Küsten-, Hunde-, Folklore- und Mundart-Krimis. Spätestens Henning Mankells Wallander-Dramen der Neunziger holten die diebische Lust am Tabuthema Tod aus der Schmuddelecke ins Feuilleton.

„Die Amerikaner lieben meine Bücher, die Engländer auch“, sagte Tess Gerritsen dem „Stern“, mit 40 Millionen verkauften Büchern eine der erfolgreichsten Krimiautorinnen der Welt – „aber sie sind nicht ganz so krimiverrückt wie die Deutschen“. Im sicherheitsversessenen Deutschland trifft das Spiel mit der Angst auf ein tiefes Bedürfnis. „Krimis erklären uns unsere Ängste“, sagt Autor Sebastian Fitzek („Der Nachtwandler“) – „und erlauben uns, sie nach dem Lesen mit dem Buch ins Regal zu stellen.“

Es seien die Frauen, die es oft gern noch eine Spur blutiger hätten, sagt Fitzek. Sie verarbeiten ihre Ängste eher psychologisch, dabei hilft Literatur. „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“, sang Bill Ramsey schon 1962. Männer bauen Furcht und Stress eher körperlich ab. Bestenfalls gehen sie Squash spielen. Schlimmstenfalls werden sie kriminell. Neun von zehn Morden werden von Männern begangen. Die zynische Formel geht so: Männer morden, Frauen lesen darüber. Wer die weibliche Angstlust verstehen wolle, den Reiz des Gruselns, sagt die Psychologin Sabine Schwachula, müsse nur an kreischende Mädchen in der Achterbahn denken. Dosierbarer Kitzel. Extremsituationen mit Reißleine. Dieses spezifische Erregungsbedürfnis existiere aber nur in saturierten, stabilen Gesellschaften. Schwachula: „Ich glaube nicht, dass in Syrien derzeit auch nur ein einziger Mensch Krimis liest.“

Die Abgründe des Menschlichen in angstfreiem Ambiente aus nächster Nähe – das ist der Kern der Krimisucht. „Unsere Aufgabe ist es, das Grauen begreifbar zu machen“, sagt Fitzek. Warum quälen Menschen Menschen? Warum morden sie? Krimis sind Projektionsflächen für die eigenen unerklärlichen, dunklen Abgründe des Zuschauers. Er taucht wenigstens mal den großen Zeh in den schwarzen Ozean seiner Triebe. TV-Täter sind stellvertretend böse. Sie leben aus, was die meisten im Sinne des Gemeinschaftsfriedens unterdrücken. Und werden stellvertretend dafür bestraft. Der Krimi ist nicht nur Gesellschaftsspiel, kollektiver Nervenkitzel und Sittenspiegel der Nation, sondern auch eine emotionale Selbstgeißel. Das macht seine kathartische Wirkung aus. Dahinter steht die Sehnsucht nach Unschuld und Reinheit – und nach Sinn auch im Bösen.

Und „echt“ muss es sein. Schon jede Folge des Straßenfegers „Stahlnetz“ begann ab 1958 mit dem Hinweis: „Dieser Fall ist wahr. Er wurde aufgezeichnet nach den Unterlagen der Kriminalpolizei.“ In der Nachkriegszeit sollte das Vertrauen in die jungen Staatsorgane gestärkt werden. Die Trenchcoat-Ermittler der Siebziger – Derrick, Haferkamp, Hauptmann Fuchs in der DDR – standen für die moralische Botschaft, dass sich Verbrechen nicht lohnen. Erst seit Schimanski „Scheiße!“ brummte, sind deutsche Polizisten auch mal gebrochene Zweifler. Legal, illegal, scheißegal, alles verschwamm. Lange kam die Bedrohung von „innen“, von miesen Kiezschlägern, Kirmesgaunern oder geldgierigen Heiratsschwindlern. Seit der Wende lauert das Böse oft „da draußen“, im Fremden, Anderen, Unbekannten. Ende der Neunziger war der „Tatort“ in der Krise. Millennium, das „Ende der Geschichte“, Optimismus. Dann kam 9/11. Und löste neue Ängste aus. Seither boomt der Krimi wieder.

Und erlebt eine ästhetische Radikalisierung. Die Filme und Serien der Gegenwart sind düsterer und brutaler als die pomadigen Karojackett-Spielchen der Kaugummiautomaten-Ära. Selbst der „Tatort“ zeigt ausführlich die blutigen Eingeweide einer toten Drogenkurierin. Altersfreigabe: zwölf Jahre. Die globalen Bedrohungen sind so abstrakt, dass Krimileser quasi, wie der Leipziger Autor Tobias Gohlis sagt, „prophylaktisch ihren Panikmuskel trainieren“, massenhaft. „Kein Mord kann so brutal sein wie das System“, hat Mankell mal gesagt. Umso größer wiederum ist das Bedürfnis nach Krampflösung durch Krimis. Es ist ein Perpetuum mobile der Angst.

Von Imre Grimm/RND

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