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Kino Der Filz der Vergangenheit
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23:10 17.05.2013
"Mutter & Sohn" wurde auf der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet - verdient! Quelle: X Verleih

Es gibt eine Szene in "Mutter & Sohn", dem Gewinnerfilm der diesjährigen Berlinale, in der die Gluckenmutter Cornelia (Luminita Gheorghiu) ihrer Putzfrau erzählt, dass sie ihrem Sohn Barbu (Bogdan Dumitrache) einst Bücher von Herta Müller und Orhan Pamuk schenkte. Schließlich seien beide Nobelpreisträger. Gelesen haben jedoch weder Mutter noch Sohn diese gesellschaftskritischen Meisterwerke. Es ist Calin Peter Netzers feinsinnigem Drama zu wünschen, dass das Berlinale-Gütesiegel nicht ein ähnliches Schicksal für ihn bedeutet. Schließlich ist der Film über eine Mutter-Sohn-Beziehung, der ganz nebenbei die korrupten Zustände im postsozialistischen Rumänien anprangert, sowohl im Kleinen als auch im Großen für den Zuschauer sehr aufschlussreich - und zudem überaus fesselnd erzählt.

Die Familie sei die Keimzelle des Staates, so heißt es. Und schaut man sich die Familie von "Controlia", wie Cornelia von ihrem Mann genannt wird, einmal genauer an, so scheint es um die rumänische Gesellschaft nach Ceausescu immer noch denkbar schlecht bestellt zu sein. Am Telefon erfährt die unvorstellbar übergriffige Mutter davon, dass ihr geliebter Sohn, ihr Ein und Alles, bei einem riskanten Überholmanöver dummerweise ein Kind aus der Unterschicht überfahren hat. Mit ihrer bestens vernetzten Freundin (Natasa Raab) fährt die pelzbemantelte, maskenhaft geschminkte "Dame" zur Polizeistation, um "die Sache" für ihren lethargischen Liebling zu regeln.

In den folgenden zwei Stunden fängt Netzer mit einer zuweilen hysterisch wirkenden Handkamera, die an der atemberaubenden Gheorghiu zu kleben scheint, ein, wie die kontrollsüchtige Mutter versucht, das Schicksal ihres erwachsenen, nichtsnutzigen Sohnes in die Hand zu nehmen und eine Haftstrafe abzuwenden. Drohungen, Schmiergeld und Manipulation - jedes Mittel ist ihr recht. Doch der verzogene Sohn hat die Nase endgültig voll von seiner überbehütenden Mutter. Die skrupellose Frau muss mühsam lernen, von ihrer Machtposition als Mutter, aber auch als Angehörige der Oberschicht abzulassen.

Dem jungen Regisseur Calin Peter Netzer, der 2009 mit seinem Drama "Ehrenmedaille" auf vielen Filmfestivals ausgezeichnet wurde, gelingt es meisterhaft, vordergründig "nur" ein inzestuöses Psychodrama mit denkbar unsympathischen, aber dennoch fesselnden Protagonisten zu inszenieren. Im Hintergrund aber werden die gesellschaftlichen Zustände im heutigen Rumänien deutlich, einem Land, in dem der verachtenswerte Filz der Vergangenheit den Menschen immer noch die Luft zum Atmen zu nehmen scheint. Von ihm muss sich das Land ebenso befreien wie der erwachsene Sohn von der Mutter.

Homepage "Mutter und Sohn"

Homepage X Verleih

Infoseite zum Film

(Flash)

teleschau

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