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09:16 08.01.2013
Oscargewinner Ang Lee inszenierte den philosophischen Bestseller "Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger" als magisches Kinoerlebnis. Quelle: 2012 Twentieth Century Fox
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Und den Rest der Zeit macht er sich Gedanken - vor allem über das Wesen seiner Existenz. Yann Martels fantastischer Bestseller "Schiffbruch mit Tiger" galt eigentlich als unverfilmbar. Oscargewinner Ang Lee ("Brokeback Mountain", "Tiger & Dragon") war das allerdings herzlich egal. Zum Glück - denn seine Verfilmung des philosophischen Romans ist ein echter Glücksfall: "Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger" hätte nicht inspirierender und schöner werden können.

"Ich erzähle ihnen eine Geschichte, die sie an Gott glauben lässt", verspricht der gealterte Pi (Irrfan Khan). Er lebt in Montréal und berichtet in der Rahmenhandlung einem Schriftsteller (Rafe Spall) auf der Suche nach einer guten Story von seinem Leben, das in einem Zoo beginnt. Piscine, nach einem Schwimmbad in Paris benannt, wächst im gerade unabhängig gewordenen Indien mit Tieren auf - mit Giraffen, Nashörnern und dem Tiger Richard Parker, mit dem er auf schicksalhafte Weise verbunden ist.

Mit viel Witz und großem Herz erzählt Ang Lee von einer im Grunde unbeschwerten Kindheit: Er genießt seine Tage, stillt seine Neugier, probiert das Leben aus, das vor ihm liegt. Vor allem die Religionen haben es ihm angetan. Pi ist Hindu, Muslim, Christ - und das ist praktisch, weil man jeden Tag einen Feiertag hat.

Irgendwann ist die Sorglosigkeit vorbei, ausgerechnet als Pi die Liebe findet: "Wir hatten gerade genug Zeit, uns gegenseitig das Herz zu brechen", erzählt er. Dann schiffte er sich mit seiner Familie und den Zootieren auf einer japanischen Arche Noah gen Kanada ein. Leider übersteht der alte Seelenverkäufer den ersten Sturm nicht: Pi und Richard Parker treiben in einem Rettungsboot über den Pazifik.

Der Tiger hatte Pi einst die Unbeschwertheit geraubt: in einer schockierenden Lektion über das animalische Wesen. Nun müssen sich das Raubtier und der Mensch miteinander arrangieren und füreinander sorgen. Sich durchkämpfen und durchbeißen. Den Willen finden und den Mut zu überleben.

Obwohl der größte Teil des Films nur von einem jungen Mann, seinen Gedanken und einer Kreatur bestritten wird, ist "Schiffbruch mit Tiger" ein unheimlich spannender, fesselnd inszenierter Abenteuerfilm und ganz nebenbei eine kluge Reflexion über das Wesen der Religion und die komischen Sachen, die Gott in all seinen Erscheinungsformen den ganzen Tag so macht. Die Weisheit steckt in kleinen Nebensätzen und wird beiläufig eingestreut. Das ist erfrischend, weil es Raum für eigene Gedanken lässt: "Schiffbruch mit Tiger" ist ein Film der Möglichkeiten, die man selbst ergreifen muss.

Regisseur Ang Lee zelebriert die Macht der Bilder mit fliegenden Fischen, einer fleischfressenden Insel, fluoreszierendem Meeresgetier, der unheimlichen Schönheit des Sternenhimmels. Und einem Tiger aus dem Computer, der so realistisch wirkt, dass man sich fragt, wie die Dreharbeiten ohne Verletzungen überstanden werden konnten. Der Film ist ein grandioses Kinoerlebnis, in dem sogar die sorgfältig eingesetzte 3D-Technik Sinn macht, weil sie die weite Leere des Ozeans verstärkt und die Fantasie anregt.

Man muss nur die Augen öffnen und alles aufsaugen. Der Rest kommt von ganz allein, weil der Film nichts vorgibt: Einen Sinn? Den braucht das Leben hier nicht. Es passiert einfach. Man kann, man muss sich selbst einen Reim auf eine unglaubliche Geschichte machen.

Natürlich gibt es immer verschiedene Interpretationsmöglichkeiten: Die Story, die Pi seinem Zuhörer auftischt, könnte der Realität entsprechen oder - weil es eine bessere Geschichte ergibt - eine fantasievoll ausgeschmückte Variante der Wahrheit sein. Das Schöne ist: Man kann sich die Version aussuchen.

teleschau

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