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Kino "WikiLeaks wird zunehmend bedeutungslos"
Nachrichten Kultur Kino "WikiLeaks wird zunehmend bedeutungslos"
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22:55 05.07.2013
Alex Gibney, der für seine Doku "Taxi zur Hölle" mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, rollt in seiner neuen Dokumentation die Geschichte von WikiLeaks auf. Quelle: 2013 Focus Features / Universal
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Der Zeitpunkt könnte kaum besser gewählt sein: Während die Weltöffentlichkeit gespannt jede neue Entwicklung im Fall des flüchtigen PRISM-Enthüllers Edward Snowden verfolgt, widmet sich Alex Gibney in seinem Kino-Dokumentarfilm "We Steal Secrets: Die WikiLeaks Geschichte" (11. Juli) jenen Enthüllern, die ein paar Jahre zuvor ähnliche Schlagzeilen machten: Zum einen Julian Assange, dem Gründer von WikiLeaks, der unter anderem Kriegsverbrechen der US-Armee im Irak publik machte und sich seit über einem Jahr in der ecuadorianischen Botschaft in London seiner Auslieferung nach Schweden entzieht, wo ihm ein Gerichtsverfahren wegen sexueller Nötigung droht. Zum anderen Bradley Manning, dem US-Soldaten, der der Aufklärungsplattform die belastenden Dokumente aus dem Militärnetzwerk zuspielte und dafür nun lebenslänglich hinter Gitter wandern könnte. Beim Filmfest München sprach Oscarpreisträger Alex Gibney über seltsame Interviewverhandlungen mit Julian Assange, den Bradley-Manning-Prozess und die aktuellen Geschehnisse.

teleschau: Erinnern Sie sich noch, was Ihnen durch den Kopf ging, als Sie das erste Mal von WikiLeaks hörten?

Alex Gibney: Ich wurde durch das "Collateral Murder"-Video auf WikiLeaks aufmerksam - das Video, in dem zu sehen ist, wie Soldaten aus einem US-Kampfhubschrauber vermeintlich bewaffnete Personen beschießen. Zivilisten und Reporter, wie sich herausstellen sollte. Als ich mich dann auf der zugehörigen Website umsah, dachte ich "Wow, das ist unglaublich." Ich war beeindruckt davon, dass WikiLeaks Informationen preisgibt, die der Öffentlichkeit sonst vorenthalten werden.

teleschau: Hat sich diese Sicht im Laufe der Zeit geändert?

Gibney: Die Grundidee von WikiLeaks ist ja immer noch dieselbe, deshalb blieb meine Meinung über die Institution WikiLeaks bestehen. Aber meine Ansichten über den Gründer von WikiLeaks, über Julian Assange, die haben sich geändert.

teleschau: Inwiefern?

Gibney: Als ich mit der Produktion meiner Dokumentation begann, dachte ich, sie wird eine klassische David-gegen-Goliath-Geschichte. Über einen romantischen Helden, der mit seinem Laptop im Gepäck um die Welt reist und Unrecht aufdeckt. Und in Teilen stimmt das ja immer noch. Aber ich lernte während meiner Recherche auch eine andere Seite von Julian Assange kennen, eine dunkle Seite. Er wurde den Personen, die er sonst entlarvt, immer ähnlicher.

teleschau: Sie beschreiben im Film, wie Sie in langen Verhandlungen erfolglos versuchten, Julian Assange zu einem Interview zu bewegen. Sie mussten letztlich auf Archivmaterial zurückgreifen. Warum glauben Sie, hat er abgelehnt?

Gibney: Weil er keine Kontrolle über die Situation hatte. Als ich ihn traf, sagte ich ihm, dass ich mich sehr über seine Mitwirkung freuen würde, weil ich mit seiner Organisation sympathisiere, aber dass ich diesen Film auch drehen werde, wenn er nicht kooperiert. Das hat ihm nicht gefallen. Er verlangte erst Schnittrechte, dann Geld, und dann schlug er vor, dass ich für ihn andere Interviewpartner wie seine ehemaligen Unterstützer Daniel Domscheit-Berg oder Birgitta Jónsdóttir ausspionieren könnte. Er erwähnte dabei andere Deals, die er abgeschlossen hat, und stellte sich als der große Strippenzieher dar. Ich halte das für Bullshit.

teleschau: Wie dachten Sie eingangs über Bradley Manning, den Soldaten, der WikiLeaks mit Informationen versorgte?

Gibney: Ich ging davon aus, dass er ein aufgewühlter junger Mann sei, der vielleicht aus Wut die Dokumente geleakt hat. Doch im Laufe meiner Recherche realisierte ich, vor allem durch die Protokolle seiner Chats, dass er politisch sehr engagiert ist und für die WikiLeaks-Geschichte viel, viel wichtiger, als ich ihm eigentlich zugestehen wollte. Ich erkannte mit Entsetzen, dass ich mir erlaubt habe, Manning zur Randfigur zu machen, und Julian Assange als den Enthüller anzusehen. Dabei ist WikiLeaks ja nur die veröffentlichende Plattform. Manning ist der Aufklärer, derjenige, der das Risiko auf sich nahm und nun den Preis dafür bezahlen soll.

teleschau: Mannings Geschichte nimmt in Ihrem Film nun etwa genauso viel Raum ein wie die von Julian Assange. WikiLeaks kritisierte daran, dass Sie Mannings persönliche Probleme zu sehr in den Vordergrund rücken und seine Tat "eher als Schwäche des Charakters denn als Triumph des Gewissens" gedeutet werde.

Gibney: Ich glaube, das ist der Versuch von WikiLeaks, von meiner Kritik an der Organisation abzulenken. Meiner Meinung nach stelle ich deutlich heraus, dass Manning die Informationen über die Verbrechen der US-Armee an WikiLeaks aushändigte, weil er wollte, dass die Öffentlichkeit von jenen Gräueltaten erfährt. Aber ich gehe auch bewusst ins Detail, wenn es um Mannings Gefühlskrise geht: seine Pein, schwul zu sein, während in der US-Armee in dieser Frage noch die "Frag' nicht, sag' nichts"-Richtlinie galt. Oder die Qual, sich im Unklaren zu sein, ob man lieber als Mann oder als Frau leben möchte.

teleschau: Warum halten Sie das für einen wichtigen Punkt in der WikiLeaks-Geschichte?

Gibney: Weil damit das zweite große Rätsel des Films gelöst wird, neben dem, warum Manning die Dokumente weitergab: wie er enttarnt wurde. Und das dürfte auch der Grund sein, warum WikiLeaks so gegen meinen Film wettert: WikiLeaks behauptet von sich gern, das perfekte Daten-Übergabe-Modell erfunden haben, weil weder der Leaker noch der Veröffentlicher weiß, mit wem er es zu tun hat. Doch wenn man Informanten hat, sollte man eine Vertrauensbasis schaffen, eine menschliche Beziehung. Manning brauchte die dringend. Er hatte das verzweifelte Bedürfnis, mit jemandem zu reden. Aber nachdem er die Dokumente übermittelt hatte, war WikiLeaks nicht für ihn da, und er wandte sich an jemand anderen.

teleschau: Er vertraute seinen Leak im Chat dem Hacker Adrian Lamo an, der schließlich die Behörden informierte.

Gibney: Einem Hacker, der zum einen WikiLeaks öffentlich unterstützte und zum anderen offen bisexuell lebt. Das war Manning bewusst, als er Chat-Kontakt mit Lamo aufnahm. Und Lamo erkannte, dass Manning in diesen Fragen Redebedarf hat. Als er dann auch die WikiLeaks-Sache ansprach, wusste Lamo nicht mehr, wie er die Sache behandeln sollte. Ich fand es wichtig, dass der Zuschauer Mannings Situation verstehen. Außerdem wollte ich damit auch Gegenwind vom US-Militär verhindern.

teleschau: Mit welcher Form von Gegenwind rechneten Sie?

Gibney: Wenn ich Mannings Persönlichkeitskrise unter den Tisch hätte fallen lassen, hätte das Militär argumentieren können, dass ich ein falsches Bild von Manning zeichne und man meinen Film deshalb nicht ernst nehmen kann. Das konnte ich ihnen nicht erlauben. Und es war mir wichtig zu verdeutlichen, dass Manning keine übermenschlich große Figur wie Nelson Mandela oder Martin Luther King ist, sondern ein ganz normaler Mensch mit ganz normalen Problemen. Sein Beispiel zeigt, dass jeder Unrecht aufdecken kann.

teleschau: Wie aktuell zum Beispiel PRISM-Enthüller Edward Snowden. Der wandte sich allerdings nicht an WikiLeaks.

Gibney: Richtig. Snowden lehnte es ab, seine Informationen einem anonymen elektronischen Briefkasten anzuvertrauen. Er wollte wissen, wer sich darum kümmert, das war ihm wichtig.

teleschau: Sagt das etwas über den aktuellen Status von WikiLeaks aus?

Gibney: Ja. Ich glaube, WikiLeaks wird zunehmend bedeutungslos. Julian Assange versuchte, die Plattform als zentrale Größe im Kampf um Transparenz darzustellen. Aber das stimmt meiner Meinung nach nicht so ganz. WikiLeaks hatte seinen großen Auftritt, zweifellos einen wichtigen, aber es geht auch ohne. Der "New Yorker" hat jetzt beispielsweise auch einen anonymen elektronischen Postkasten, entwickelt von Aaron Swartz. WikiLeaks hat dafür keinen mehr, weil Daniel Domscheit-Berg und der so genannte "Architekt" von WikiLeaks die Organisation verließen und die Technik mitnahmen.

teleschau: Versucht sich WikiLeaks deshalb in den Snowden-Fall einzubringen?

Gibney: Ich denke schon. Aber dieses Engagement könnte ihnen meiner Meinung nach schaden, weil sie sich dadurch ins Visier der Staatsanwaltschaft rücken. Und Snowden hilft es auch nicht: Er sitzt in Moskau fest.

teleschau: Geht dieses Engagement eher von der Organisation oder von Julian Assange aus?

Gibney: Julian spielt gerne den Einflussreichen. Ich sagte vorhin, die Geschichte begann als David-gegen-Goliath-Erzählung. Aber irgendwann fand Julian es ansprechender, sich und WikiLeaks als Goliath statt als David darzustellen. Aber wenn man plötzlich anfängt, Goliath zu spielen, gerät man in Konflikt mit den wirklichen Goliaths. Und die haben viel mehr Kraft und Mittel. Wenn Julian Assange nun also anfängt, sich mit der NSA anzulegen, dann ist er deutlich im Nachteil. Nur weil er mit jemandem in der ecuadorianischen Botschaft befreundet ist, gibt ihm das keine Macht.

teleschau: Glauben Sie, dass die aktuelle Snowden-Affäre den Prozess von Bradley Manning beeinflussen wird?

Gibney: Der Prozess wird wahrscheinlich weitergehen wie bisher. Es ist gut, dass viele Menschen der Verhandlung folgen und erkennen, wie lächerlich die Argumente der Regierung sind. Klar, Manning hat seinen Eid verletzt, er hat gegen Militärgesetze verstoßen. Und in diesen Punkten bekannte er sich clevererweise auch schuldig. Aber der Vorwurf, er habe dem Feind geholfen, ist einfach absurd. Natürlich habe ich Angst, dass die Ankläger damit durchkommen, aber Anwälte, mit denen ich sprach, denken, dass diese Anschuldigung fallen gelassen wird.

teleschau: Wie wird Julian Assanges Geschichte weitergehen?

Gibney: Julian ist ein Mann mit großer Vorstellungskraft. Er wird sich etwas ausdenken.

teleschau: Er wird also nicht den Rest seines Lebens in der Botschaft festsitzen?

Gibney: Dort könnte er möglicherweise noch eine lange Zeit verbringen. Aber ich habe gehört, dass die Ecuadorianer langsam die Nase voll von ihm haben ...

"We Steal Secrets: Die WikiLeaks Geschichte" bei Facebook

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