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Kultur im Norden Grusel, Goodman, Glühwein
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14:35 25.09.2018
Ea Paravicini auf den Schrangen bei der 12. Lübecker Theaternacht. Quelle: Agentur 54°
Lübeck

Es herbstelte am Sonnabend, trotzdem hatten sich 2800 Menschen auf den Weg gemacht, um sich Kostproben aus den aktuellen Produktionen von 25 Ensembles an 16 Spielorten anzusehen. Das waren zwar 100 weniger als im Vorjahr, dennoch fällt die Resonanz der Veranstalter positiv aus. „Die Theatersäle und zusätzlichen Spielstätten waren sehr gut ausgelastet und die Stimmung unter den Besuchern gut. Im letzten Jahr gab es gelegentlich Unmut, wenn man den ausgesuchten Programmpunkt nicht sehen konnte, weil alle Plätze schon vergeben waren“, sagt Nina Jakubczyk aus dem Fachbereich Kultur der Hansestadt.

Kuschlig-gemütlich hatten es die Besucher im Volkstheater Geisler. Erstaunlich viele jüngere Zuschauer kamen zu den „Grüßen aus Österreich“, Ausschnitten aus der gleichnamigen Revue der Lübecker Sommeroperette, für die Michael P. Schulz als Intendant verantwortlich zeichnet. Gemeinsam mit Mona Hermes und begleitet am Klavier von Kirchenmusiker Sven Fanick lieferte Schulz ein Potpourri bekannter Melodien, so kurzweilig wie eine Achterbahnfahrt auf dem Wiener Prater. Schon bei „Wenn die Vroni mit dem Toni“ wurde im Publikum geschmunzelt, weiter ging es mit Klassikern aus „Zwei Herzen im Dreivierteltakt“ („Du bist meine schönste Träumerei“), Salzburger Nockerln“, „Weißem Rößl“ („Im Salzkammergut, da kann man gut lustig sein“, „Es muss was Wunderbares sein“) oder der Filmoperette „Der Kongress tanzt“ („Das gibt’s nur einmal, das kommt nie wieder“). Wer ein weiteres Schmankerls erleben wollte, konnte gleich sitzen bleiben und eine Kostprobe aus dem aktuellen Geisler-Programm „Ein brillanter Mord“ erleben. Mit der Behaglichkeit war es allerdings vorbei: Olivia Chappell und ihr Mann Robert sitzen in ihrem einsam gelegenen und zurzeit geschlossenen Hotel im Lake District am Ofen, während draußen ein Sturm tobt. Olivia, aufgeschreckt durch einen Anruf, fürchtet sich wegen eines Ereignisses in ihrer Vergangenheit. Fast erfahren die Zuschauer aus ihrem Gespräch mit ihrem Ehemann mehr, als es klopft. Ein Wanderer bittet um eine Übernachtungsmöglichkeit, sein Auftreten erscheint etwas unpassend, was Olivia wird sichtlich beunruhigt. Dennoch entscheiden sich die jungen Leute, den Mann aufzunehmen. Kathi Otte als Olivia, Lennart Mesenbring als Robert und Michael Knoll als unwillkommener Besucher Ramsay weckten Neugierde auf das Stück.

Noch unheimlicher wurde es am Abend in der Kulturrösterei an der Wahmstraße. Das Theater 23, das mittlerweile auf sein zehnjähriges Bestehen zurückblicken kann, brachte im halbstündigen Rhythmus die Lübecker Düster-Lesung „Das verräterische Herz“ von Edgar Allan Poe. Janus Schwarz („Aorta Projects“) verstand es mit seiner Dark Ambient Musik, den wachsenden Horror aus der Feder Poes zu untermalen, den Schauspieler und Regisseur Manfred Upnmoor so treffend zu lesen verstand. Beide entließen dann ihre eben noch gebannten Zuschauer in die „so tote Nachtstunde“ …

Wie andere Akteure nutzte das Theater Combinale die Theaternacht auch dazu, Lust auf kommende Produktionen und Gastspiele zu machen. Antje Birnbaum und Akos Hoffmann gelang das bestens mit Ausschnitten aus ihrem Programm „Benny Goodman Blues – Die wahre Story des King of Swing“. In der szenisch-musikalischen Hommage kommt der legendäre Bandleader und Jazz-Klarinettist (1909-1986) nicht immer gut weg – schließlich war Goodman bekannt dafür, seine Mitmusiker mitunter wüst zu beschimpfen. Die Zuschauer durften das ganz unmittelbar nacherleben: „Ihr seid der schlechteste Chor, mit dem ich je gearbeitet habe!“ Erste, ebenfalls vielversprechende Einblicke in die neue Combinale-Produktion „Die Lüge“ gaben die Schauspieler Ulli Haussmann und L. Christian Glockzin – die „Salonkomödie“ des französischen Autors Florian Zeller hat in einer Viererbesetzung am 30. November in der Hüxstraße Premiere.

Poetisch, artistisch, einfach wunderbar: Ea Paravicini verzauberte die Lübecker einmal mehr mit ihrem Mobilen Circustheater. Unter Reihen weißer Wäsche hoch über dem Schrangen präsentierte sie ihre Bewegungskunst auf dem Seil und in, vor, auf ihrem nostalgischen Zirkuswagen. Mehr poetische Bewegungsbilder gab es im Mantelsaal der Stadtbibliothek zu sehen: Das freie Lübecker Ensemble TanzOrtNord hatte speziell für den neogotischen Raum die Kurzchoreografie „Mond“ erarbeitet. Ulla Benninghoven, Michaela Meyer und Shiao Ing Oei ließen im Schwarzlicht weiße Luftballons tanzen und brachten traumwandlerische Sicherheit und unruhiges Sich-Wälzen schön fließend auf den Punkt. (sas)

Zu nächtlicher Stunde bevölkerten noch immer zahlreiche neugierige Besucher das Theater Lübeck – inklusive des Innenhofes. Dort bot das Theaterrestaurant Dülfer Glühwein und wärmende Speisen gegen die erste herbstliche Kühle. Und ein schauerlich geschminkter Darsteller begrüßte zur Darbietung „Gemeinsam Gespenst sein“, nahm die Gäste mit in den Malsaal. Hier lauschten die Zuschauer Texten und Kunstliedern morbiden Charakters aus vergangener Zeit. Steffen Kubach und Andrea Stadel traten als lebende Tote auf und interpretierten Franz Schubert, Claude Debussy oder Arnold Schönberg. Dazu erklangen melancholische Texte über Liebe, unerfüllte Sehnsucht und Tod von Honoré de Balzac oder Arthur Rimbaud.

Im wahrsten Sinne dunkel, aber mit komischen Momenten gab sich das experimentelle Happening „Dogville im Dunkeln“. Im Jungen Studio verteilte eine Dramaturgin schwarze Augenbinden an die verdutzten Zuschauer. Dann wurde das Licht heruntergefahren, nur noch die Leselampen der sechs Schauspielerinnen und Schauspieler bildeten kleine Leuchtquellen. Aus allen Seiten des Raumes lasen sie Texte aus Lars von Triers Film „Dogville“. Die Schauspieler ließen mit einfachen Mitteln ein Hörspiel entstehen, Geräusche inklusive. Sie erzeugten die Atmosphäre einer unwirtlichen, windigen Nacht in den Rocky Mountains, ließen gehetzte Schritte ertönen. „Dogville“ in der Inszenierung von Clara Weyde wird seit dem gestrigen Montag geprobt (Premiere am 9. November).

Gruselig dann der Vorgeschmack auf die Uraufführung „Die tonight, live forever oder Das Prinzip Nosferatu“ (ab 30. November). Astrid Färber, Rachel Behringer und Heiner Kock lasen aus Sivan Ben Yishais Theatertext, dazu gab es ein Wiedersehen mit dem teilweise in Lübeck gedrehten Stummfilm-Klassiker „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“, den Willy Daum am Klavier dramatisch untermalte. Die israelische Autorin überträgt das Element Vampirismus auf Neurosen und Zwänge der modernen Zeit. Das ist keine leichte Kost und fordert viel Konzentration vom Zuschauer. Die versuchten zu folgen und erfreuten sich vor allem an den Grusel-Szenen und den Salzspeichern auf der Leinwand.

Dass die Nacht auch glanzvoll-heiter sein kann, bewiesen die jungen Gesangstalente des Internationalen Opernelite-Studios im „Nachtcafé“. Die Bühne des Großen Hauses war kurzerhand zum Bistro umfunktioniert worden, in dem ein Teil des Publikums Platz nehmen sowie Sekt und Wein genießen konnte. Dazu erlebte es Arien aus Opern wie „Die sizilianische Vesper“, „Carmen“ oder „Faust“ aus nächster Nähe. Studierende der Musikhochschule Lübeck beeindruckten mit voluminösen Stimmen voller Leidenschaft.

Margitta True, Sabine Spatzek, Oda Rose-Oertel

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