Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -6 ° heiter

Navigation:
264 Takte Chopin und das Weltgeschehen

Lübeck 264 Takte Chopin und das Weltgeschehen

Chopin war Anfang 20, als er die Ballade Nr. 1 komponierte. Alan Rusbridger war 57, als er sie zu spielen versuchte.

Voriger Artikel
Der Dichter und sein Lieblingsmeer
Nächster Artikel
Liebe in Zeiten der Gewalttätigkeit

Zeitungsmann Alan Rusbridger.

Lübeck. Chopin war Anfang 20, als er die Ballade Nr. 1 komponierte. Alan Rusbridger war 57, als er sie zu spielen versuchte. Frédéric Chopin ist da ein wunderbares Stück Musik gelungen, und Rusbridger hat darüber ein wunderbares Buch geschrieben: „Play it again — Ein Jahr zwischen Noten und Nachrichten.“

Ein Jahr nimmt er sich Zeit für die Ballade, aber weil er Chefredakteur des britischen „Guardian“ ist und dieses Jahr das turbulenteste seiner Karriere, kann das nur halb gut gehen. Seine Zeitung ist maßgeblich an den WikiLeaks-Enthüllungen beteiligt. Sie deckt auf, dass ein britisches Boulevard-Blatt tausende Handys abgehört hat, auch die der Königsfamilie. In Japan wütet ein Tsunami, und in Arabien ist Revolution. Es passiert viel und manchmal alles gleichzeitig, und Rusbridger kommt kaum zum Üben. Dabei hat er das dringend nötig, denn Chopins Ballade Nr. 1 g-Moll, op. 23 gilt als eine der schwierigsten überhaupt.

Aber er kämpft sich da durch, er versucht es wenigstens, und man darf ihm dabei zuschauen. Er spricht mit Klavier-Großmeistern wie Alfred Brendel und Daniel Barenboim, er geht zu Neurowissenschaftlern, die ihm das menschliche Gehirn erklären. Er kauft einen gebrauchten Steinway-Flügel und lässt sich draußen auf dem Land ein Musikhäuschen drumherum bauen. Er nimmt Unterricht und geht in Konzerte. Zwischendurch muss er einen seiner Reporter aus libyscher Gefangenschaft befreien und hat einen Termin bei der Queen. Er hat 16-Stunden-Tage, die vollgestellt sind mit Konferenzen und Vorträgen, mit „Guardian“-Artikeln und einem WikiLeaks-Chef Julian Assange, der sich zwischen Vernunft und Wahnsinn nicht entscheiden kann. Und als er dann endlich die Ballade vorspielt, geht es sagenhaft schief.

Alan Rusbridger beschreibt das alles auf großartige Weise. Er gibt Einblick in die Welt und den Alltag eines der wichtigsten Medienmenschen seiner Zeit, aber er nimmt sich nicht so wichtig. Das macht ihn sympathisch und das Buch so lesenswert. Er pendelt zwischen seiner Arbeit und Chopin. Er gräbt sich tief hinein in diese 264 Takte, in Fingersätze und Oktavläufe. Dennoch ist es keine Lektüre für Experten, im Gegenteil. Bevor er sich in Sechzehntelnoten und dem zweigestrichenen F verliert, blendet er immer wieder zurück ins wahre Leben. „Ich bin ein fantastischer Pianist“, steht am Anfang von „Play it again“. „Der Haken ist nur, dass ich nicht so gut Klavier spielen kann.“ Das ist der Ton, auf den das Buch gestimmt ist. Und das ist auch sehr gut so.

„Play it again — Ein Jahr zwischen Noten und Nachrichten“ von Alan Rusbridger, Secession Verlag Zürich, 480 Seiten, 25 Euro.

Peter Intelmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden