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60 oder 70 Prozent eines glücklichen Lebens

60 oder 70 Prozent eines glücklichen Lebens

In „Babylon“, dem neuen Roman der französischen Autorin Yasmina Reza, geht es um Leben und Tod.

Elisabeth schlägt „das traurigste Buch der Welt“ noch einmal auf, den Fotoband „The Americans“ von Robert Frank. Bei dem Bild eines kleinen Mannes im schlotternden Anzug und mit der Zeitschrift der Zeugen Jehovas in der Hand hält sie inne. Das Foto ist von 1955, der Mann längst tot. „Was zählt es schon, wer man ist, was man denkt, was aus einem wird? Man steht irgendwo in der Landschaft, bis zu dem Tage, an dem man nicht mehr da ist“, geht Elisabeth durch den Kopf. Sie ist 62, in einem Alter also, in dem Menschen mehr Vergangenheit als Zukunft haben und deshalb dazu neigen, über die Bilanz ihres Lebens nachzudenken.

 

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Yasmina Reza (58): „Ich habe nie eine Heimat besessen. (...) Die einzige Heimat, die ich kenne, ist die französische Sprache.“

Quelle: Foto: Peer Grimm/dpa

Auch Elisabeth, verheiratet, ein erwachsener Sohn, Patentingenieurin von Beruf, stellt solche Überlegungen an: „Ich könnte nicht sagen, dass ich es verstanden hätte, ein glückliches Leben zu führen“, sagt sie. Wenn sie sich Punkte vergeben würde, dann 60 von 100. 70 von 100 erschienen ihr schon zu viel: „Ich würde sagen, 60 von 100, auch wenn das ein wenig geschummelt wäre.“

In „Babylon“, ihrem neuen Roman, erzählt Yasmina Reza wieder vom Leben der gebildeten sinnsuchenden bürgerlichen Mitte – in diesem Milieu kennt die Schriftstellerin und Dramatikerin sich sehr gut aus. Sie versteht es meisterhaft, das Leiden der Mittelschicht und die Brüchigkeit beziehungsweise das Scheitern von Beziehungen zu schildern. Weil sich ihre Themen ähneln, wird ihr vorgeworfen, dass sie nichts Neues zu erzählen habe. Ein Vorwurf, der ins Leere geht. Die wichtigen Themen bleiben schließlich immer dieselben, können nur immer wieder neu erzählt werden. Yasmina Reza gelingt dies hervorragend, Um eine Pause in die Ödnis ihres Alltags zu bringen, plant Elisabeth ein Frühlingsfest. Als Gastgeberin ist sie nicht geübt und tut sich ein wenig schwer mit den Vorbereitungen. Es fehlt an Gläsern und an Sitzgelegenheiten. Nur sieben Stühle sind bei den Jauzes vorhanden, viel zu wenig für die 40 geladenen Gäste, auch wenn nicht alle kommen werden. Probleme, die jedoch gelöst werden können – die Nachbarn werden aushelfen.

Mit feinem Witz beschreibt Reza die Gästeschar, die sich schließlich in der Wohnung der Jauzes versammelt. Und liefert eine Zustandsbeschreibung der französischen Gesellschaft gleich mit. Die Gespräche kreisen um das Verschwinden linker Überzeugungen, Krankheiten, die das Alter mit sich bringt, artgerechte Hühnerhaltung.

Die Nachbarn von oben sind auch erschienen: Jean-Lino, der jüdisch-italienischer Abstammung ist und mit dem Elisabeth sich angefreundet hat. Und seine Frau Lydie, eine schrille Person, die früher Filialleiterin in einem Schuhgeschäft war, in Clubs als Sängerin auftritt und außerdem eine Praxis als eine Art New-Age-Therapeutin führt. „Irgendwann demnächst werde ich Sie mal resetten“, hatte sie Elisabeth angeboten. „Ich evaluiere Sie mit meinem Pendel. Hole alle Schlacken raus, reinige die Organe, bringe wieder Fluss rein.“

Wer den Klappentext des Buches gelesen hat, weiß: Nach dem Fest gibt es einen Todesfall. Jean-Lino erwürgt seine Frau. Vorher hat es Streit gegeben. Auf der Party hatte sich Lydie erkundigt, ob das Hähnchen im Geflügel-Cake aus biologischer Aufzucht stamme. Eine Diskussion entwickelte sich, in deren Verlauf sie sich von ihrem Mann bloßgestellt fühlte. Ein solches Drama muss sich nicht ankündigen, sich nicht erahnen lassen. „Bei uns unten haben Sie beide glücklich gewirkt“, sagt Elisabeth zu Jean-Lino.

Sie lässt sich reinziehen in den Versuch, alles zu vertuschen. Dies und die folgenden polizeilichen Ermittlungen nehmen viel Raum in dem schmalen Roman ein. Was Erzählwitz war, gleitet hier stellenweise ins Alberne ab, beispielsweise, wenn Elisabeth bettfein, aber grotesk gekleidet dem Nachbarn hilft, die Leiche in einen Koffer zu stopfen. Dabei aber bleibt es nicht, Witz und Wehmut kehren zurück. Und eine erzählerische Dichte, die den Eindruck vermittelt, Reza habe so gut wie alle wichtigen Themen behandelt: Jugend, Liebe, Einsamkeit, die Zumutungen des Alters, Verlust und Tod.

„Babylon“ ist vielleicht nicht das allertraurigste Buch, aber ein trauriges ist es schon. Und ein sehr kluges dazu. Eines, in dem sich jeder Mensch wiederfinden kann. Etwa, wenn Elisabeth darüber nachdenkt, dass sie ihre Nachbarn vermisst. Mit ihnen sei ein unsichtbares Gut verschwunden, „an das man sonst gar nicht denkt, das selbstverständliche Leben“.

„Babylon“ von Yasmina Reza, Hanser Verlag, 219 Seiten, 22 Euro

Die Theaterautorin

Yasmina Reza, kam am 1. Mai 1959 in Paris zur Welt. Sie hat jüdische und iranische Wurzeln. Nach einem Schauspielstudium begann sie selbst zu schreiben. Ihr Theaterstück „Kunst“ von 1994 wurde ein Welterfolg, ebenso „Drei Mal Leben“ (2000). „Der Gott des Gemetzels“ (2006) war an 60 deutschsprachigen Bühnen zu sehen, 2011 auch am Theater Lübeck. Die Verfilmung von Roman Polanski mit Jodie Foster, Kate Winslet und Christoph Waltz gewann einen Goldenen Löwen beim Filmfestival von Venedig.

Liliane Jolitz

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