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80 jugendliche Stars und ein ganz junger

Wotersen 80 jugendliche Stars und ein ganz junger

Bei „Nils Landgren und die wilden 80“ gaben Amateure den Ton in der Holstenhalle von Neumünster an.

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Nils Landgren (Mitte) als Animateur: In Neumünster präsentierte er mit den „Wilden 80“ die Ergebnisse des Posaunen-Workshops.

Quelle: dpa

Wotersen. „Mein Name ist Nils und ich spiele manchmal Posaune.“ Als Antwort kam tosender Beifall aus der vollbesetzten Holstenhalle in Neumünster. Schon weit über eine Stunde vor Beginn des Konzertes hatten die Menschen vor der noch verschlossenen Tür zum Saal Schlange gestanden. Es waren die Eltern der 80 Nachwuchsposaunisten im Alter von 10 bis 19 Jahren , aber auch viele Musikliebhaber, die wussten, dass sie „den wahrscheinlich besten, aber in jedem Fall den coolsten Posaunisten Europas“ erleben würden, wie es Ministerpräsident Torsten Albig bei seiner Begrüßung formulierte.

Im vergangenen Jahr hatte der Schlagzeuger und SHMF-Dauergast Martin Grubinger mit Jugendlichen ein Trommelfeuerwerk in der Holstenhalle von Neumünster veranstaltet. „Martin Grubinger und die wilden 80“ weckte große Spielfreude bei seinen Schülerinnen und Schülern – das Projekt verlangte nach einer Neuauflage.

Nun also Nils Landgren, Künstlerischer Leiter und Sympathieträger des Festivals Jazz Baltica in Niendorf an der Ostsee sowie Hansdampf in allen Bläsergassen. Der Schwede, soeben 60 Jahre alt geworden, hatte an diesem Abend eine Doppelrolle inne: Er moderierte unterhaltsam und brachte sich auch musikalisch mit ein. Ganz dezent tat er das, peppte die Stücke der Bläser etwas auf, indem er ein paar gekonnte Improvisationen auf seiner roten Posaune einstreute.

Das Programm der „Wilden 80“ gefiel den jungen Musikern und ihrem Publikum sehr. Gespielt wurden beispielsweise die Titelmelodien aus „Star Wars“ und aus „Fluch der Karibik“, es gab eine Samba, aber auch jazzige Stücke in kleinerer Besetzung, zum Teil aus der Feder von Landgren, bei denen auch Schlagzeug, Klavier und Bass mitmischten.

Das Konzert wurde zum Höhepunkt eines mehrtägigen Workshops mit dem Jazz-Star Landgren. Die ganz große Bühne gehörte an diesem Abend den Teilnehmern – und Jonathan, einem kleinen Jungen, der 20 Minuten vor der Vorstellung mit großen Augen und seinem Instrument auf dem Rücken vor Landgren aufgetaucht war, weil er dachte, man könne einfach so mitmachen.

Kurz vor Ende des Konzertes kam die Überraschung. Der entspannte Skandinavier rief den Jungen mit auf die Bühne. Der rannte durch den ganzen Saal, setzte in Windeseile seine Posaune zusammen, die dann fast so groß war wie er selbst, und spielte einen Blues samt freier Improvisation mit.

Die 13-Jährige Mientje aus Lübeck, eine der „Wilden 80“, die schon seit sechs Jahren Posaune spielt, fasste zusammen, was vermutlich alle Workshop-Teilnehmer gedacht hatten: „Was will man mehr als Posaunist, als mit Nils Landgren zu spielen.“

Freikarten für Helfer

Auf Initiative von Ministerpräsident Torsten Albig sind 400 Männer und Frauen, die sich im ehrenamtlichen Einsatz in der Flüchtlingshilfe engagiert hatten, zum Konzert „Nils Landgren und die wilden 80“ eingeladen worden. Das SHMF hatte Freikarten zur Verfügung gestellt.

Im kommenden Jahr wird es beim SHMF wieder ein Konzert mit einer „Wilden 80“ geben. Wer den Workshop für junge Instrumentalisten leiten wird, bleibt noch geheim.

Verzweiflung, aber mit Schwung

Das Publikum erwartet von den SHMF-Konzerten, dass sie für das Festival eingeübt wurden und nur für das Festival. Das wird oft nicht erfüllt, doch die Auftritte des diesjährigen Porträtkünstlers, des Pianisten András Schiff, klingen nach Authentizität. Schiff trat bei seinem sechsten von insgesamt elf Festival-Konzerten mit dem fabelhaften Jerusalem Quartet auf. Alexander Pavlovsky (1. Geige), Sergei Bresler (2. Geige), Ori Kam (Bratsche) und Kyril Zlotnikov (Cello) haben osteuropäische und amerikanische Wurzeln, sind aber in Jerusalem zusammengekommen.

Das Quartett begann in der Reithalle von Wotersen mit einem Satz von Franz Schubert – ein Fragment voller Stimmungsumschwünge, mit dramatischer Bewegung dargeboten. Beim Hauptwerk des Abends kam dann Schiff dazu. Das Klavierquintett f-Moll des Russen Mieczyslaw Weinberg (1919-1996), 1945 komponiert, ist weitgehend unbekannt geblieben. Man hört darin Stimmen, die eher gegeneinander kämpfen, als dass sie harmonieren, einzig das Klavier lässt ein paar Sonnenstrahlen herein; ein Marsch stolpert daher, die Streicher täuschen Wohlklang an, der sich schnell verflüchtigt. Unisono gespielte Passagen von großer Intensität sind zu hören, der Rest ist Schweigen. Das Werk des in der Sowjetzeit missachteten Weinberg handelt von Schmerz und Verzweiflung und lässt doch überraschend lebensfrohe Entdeckungen zu. Schiff und das Jerusalem Quartet wurden mit überwältigendem Beifall bedacht.

Con brio, mit Schwung, ist der vorherrschende Ausdruck der Musiker. Mit großem Elan boten sie abschließend Johannes Brahms’ episches Klavierquintett f-Moll.

Ein wenig muss man das begeisterte Publikum enttäuschen: Die Musiker haben das Programm nicht exklusiv für Wotersen eingeübt. Sie gehen auf Tour damit. mib

Cornelia Schoof

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