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Abend-Mahl mit Techno

Abend-Mahl mit Techno

Doppelausstellung von Peter Land und Hans Petri in St. Petri lädt zur Auseinandersetzung ein.

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Lübeck. Aus einem großen Haufen dunkler Backsteine ragt ein einzelner Arm, die Finger sind gen Himmel gestreckt. Ein Hilferuf gleich am Eingang von St. Petri. Vor dem Altarraum steht ein Tisch mit fünf Stühlen, ein Mann wartet mit Messer und Gabel in den Händen vor leerem Teller aufs Essen, die Wurst hängt über ihm. Ein Abend-Mahl der besonderen Art. Es sind Installationen des dänischen Künstlers Peter Land, der ursprünglich mit provokanten Videos und Performances Aufsehen erregte und heute zu den wichtigsten dänischen Künstlern der Gegenwart zählt.

Seine Werke werden in internationalen Museen gezeigt und waren unter anderem 2005 im Dänischen Pavillon der Biennale Venedig ausgestellt. In der Reihe „Double Act“ sind einige seiner Installationen im August in der Lübecker St. Petrikirche ausgestellt – zusammen mit Fotos und einer Installation des Frankfurter Künstlers Hans Petri (er heißt wirklich so).

Trümmerfrauen, Girlies und verstaubte Schallplatten

Kindheit und Erziehung sind die großen Themen in Peter Lands Werken, erklärt Oliver Zybok. Er ist Direktor der Overbeck-Gesellschaft und hat die Ausstellung kuratiert. Peter Land ist in einem Internat aufgewachsen, Zwänge und Angst vorm Scheitern seien zentrale Themen des Künstlers. „Seine Werke behandeln das sinnlose Wiederholen von Handlungen im Alltag, Langeweile und Leere oder das schlichte Überfordertsein von den einfachsten Dingen.“

Der Künstler ist übrigens permanent anwesend – er selbst sitzt am Tisch. Dabei ist die Wachsfigur so verblüffend echt, dass man am liebsten mal am Haar zupfen oder in die Wange zwicken möchte – darf man natürlich nicht. Verstörend echt wirken auch die Kinderfiguren: ein Kinderkopf, halb Mädchen, halb Junge, und ein Mädchen, das in einen Brunnen spuckt. Das Gesicht völlig leer, ohne jeden Ausdruck. Und munter sprudelt das Wasser in St. Petri.

In das Plätschern mischen sich Techno-Klänge, sie kommen von einer angestaubten Schallplatte auf einer Musikanlage aus den 1980er Jahren. Die gehört Hans Petri, er hat sie auch bei sich zu Hause stehen, überhaupt sehe die Ecke hier in St. Petri mit den Fotos an den Wänden und der Technik aus wie sein Zimmer in Frankfurt, sagt der Künstler, der ein wenig wie aus der Zeit gefallen scheint.

Vielleicht auch, weil er immer noch mit seiner Macromax mit echten Filmen fotografiert („Ich bin kein Foto-Freak, aber sie macht einfach für meine Zwecke die besten Bilder“). Die „Körperfotografien“

an der Kirchenwand zeigen Frauen – zum Teil nur Füße oder Hände, einzelne Körperteile, farbig und schwarz-weiß, oft grobkörnig oder unscharf. Meist wirken sie wie beiläufig aufgenommen, manchmal wie selbst inszeniert, immer schwingt Erotik mit. Hans Petri hat sie in den 1980er Jahren aufgenommen, als die Girlies mit dem Mädchen-Image spielten und sich so präsentierten. Oliver Zybok fasziniert dabei die Spannung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, dem Bild, das wir selbst von uns haben und was suggeriert wird in der heutigen Zeit, in der sich die meisten per Handy ständig in Szene setzen.

Hans Petri sagt von sich: „Ich bin kein Fotograf, ich mache nur Schnappschüsse.“ Diese Bilder kombiniert er mit Fotos von Trümmerfrauen, auf drei Bildschirmen laufen Videos vom zerbombten Berlin. Wie geht das zusammen? „Es ist dieser Kontrast zwischen den Trümmerfrauen, vor denen ich großen Respekt habe, und den Girlies. Dieses Spannungsfeld interessiert mich.“ Hans Petri und Peter Land laden den Besucher im Kirchenraum zur Auseinandersetzung ein – die ersten drückten gestern schon ihre Nasen an der Glastür platt. Die öffnet sich aber erst morgen.

Ausstellung & Gespräche

Morgen um 17 Uhr wird „Double Act“ eröffnet durch Oliver Zybok, Direktor der Overbeck-Gesellschaft, im Beisein der Künstler. Geöffnet bis 27. August, dienstags bis sonntags 11 bis 16 Uhr.

Freier Eintritt.

Klang im Blick: Ein Workshop zum Thema Kunst und Musik beginnt am 12. August um 12 Uhr.

Im Kontext: Ein Gespräch über Kunst ist am 20. und 27. August um 15 Uhr zu erleben.

Extraschicht – Afterwork: Gespräch am 24. August um 20 Uhr.

Petra Haase

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