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„Ach, wenn sich Liebe doch lernen ließe“

„Ach, wenn sich Liebe doch lernen ließe“

Schauspieler Peter Simonischek über seine Rolle als romantischer altlinker Vater mit Hang zu Scherzen im Film „Toni Erdmann“, das „Fan-Gewese“ – und sein schon jetzt berühmtes Partygebiss.

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Schiefe Zähne, zauselige Perücke: Peter Simonischek nach seiner Verwandlung in „Toni Erdmann“.

Quelle: dpa

Herr Simonischek, Sie wollten mal Zahntechniker werden, bevor Sie Schauspieler wurden. Nun schieben Sie sich als Kinofigur Toni Erdmann wiederholt ein falsches Gebiss in den Mund: Haben Sie das mit besonderer Hingabe getan?

 

LN-Bild

Burgschauspieler Peter Simonischek (69).

Quelle: imago

Peter Simonischek: Sie werden lachen, meine Ausbildung hatte einen gewissen Einfluss. Als ich Schauspielschüler war und Zahntechniker zugleich, habe ich für meine ganze Klasse solche Partygebisse hergestellt – mit Goldkronen, Scherben oder was auch immer obendrauf. Später habe ich mir mit meiner ersten Frau lustige Nachmittage gemacht. Zum Beispiel sind wir verkleidet zum Schuhekaufen gegangen, und ich habe den Trottel gespielt. Wir haben das genossen, wenn sich die Angestellten auf meine Frau stürzten und fragten: Welche Schuhgröße hat er denn?

Haben Sie den Trottel durchgehalten?

Simonischek: Aber ja. Ich wollte es meiner Frau ja möglichst schwer machen. Sie wusste, dass ich die schicken dunkelbraunen Halbschuhe wollte, aber ich bin trotzdem zu den karierten Hausschlappen gegangen und habe mächtig genölt.

Dann waren Sie ja prädestiniert für diesen Toni Erdmann, der sich wie beim Fasching verkleidet, um wieder Zugang zu seiner karrierebesessenen Tochter zu bekommen.

Simonischek: Zumindest hatte ich eine Ahnung davon, wie das ist, wenn einen der Teufel reitet.

Bei der Premiere im Mai beim Filmfestival von Cannes sorgte Ihr Film für Furore: Hatten Sie sich die Reaktionen so vorgestellt?

Simonischek: Klar kannte ich solche Szenen aus dem Fernsehen. Aber wenn man drin steckt, kann man sich richtig fürchten, besonders wenn man vom Land kommt so wie ich. Gleichzeitig war das alles ein unglaublicher Genuss. Dieser Jubel nach der Vorstellung! Und man weiß: Der gehört uns.

Gemeine Frage: Ist der Cannes-Jubel schöner als der im Theater?

Simonischek: Die Frage habe ich mir auch gestellt. Auf meinem Mobiltelefon habe ich den Applaus der 140. Vorstellung von „Kunst“ aufgenommen, also von jenem Stück, das ich seit 1995 mit Udo Samel und Gerd Wameling spiele. Da kriegt man auch Gänsehaut.

War Cannes anders?

Simonischek: Das war wie bei einem Popkonzert. Dieses Gekreische! Dieses Fan-Gewese! Es gibt einen Film über Herbert Grönemeyer, in dem zu sehen ist, wie er die Masse Mensch im Griff hat – und zwar für eine gute Sache! Für eine schlechte kriegt man sie ja leicht zusammen. An diesen Film fühlte ich mich in Cannes erinnert.

Was meinen Sie mit Fan-Gewese?

Simonischek: Ich bin ja auch Fan, allerdings Fußballfan und Fan von Skirennläufern. Aber was ich nicht verstehe, ist: Wenn ein Schauspieler seinen Beruf glücklich ausübt, kann er den Leuten viel mehr geben als eine Unterschrift und einen Händedruck. Aber die Leute wollen ihn dann auch anfassen, eine Brücke schlagen. Vielleicht will man sich auch versichern, dass er aus Fleisch und Blut ist und ebenso aufs Klo geht wie alle anderen. Diese demütige Haltung des Fans ist auf Dauer unangenehm.

Glauben Sie, dass das heutige Twitter-Publikum die nötige Geduld für knapp drei Kinostunden hat?

Simonischek: Man sollte diesen Film nicht auf dem Laptop gucken und drei Mal zwischendurch zum Telefonieren und dann auch noch zum Kühlschrank gehen. Es braucht schon Aufmerksamkeit. Im Kino wirkt er so richtig. Ich habe ihn zusammen mit Sandra Hüller gesehen. Ihr Gesicht in Großaufnahme, also das von Ines, der Tochter, dieses Staunen über die Ungeheuerlichkeiten, die der Vater sich hat einfallen lassen, das ist das Wichtigste. Der Scherzkeks allein, also ich, der ist nicht abendfüllend.

Sandra Hüller und Sie kommen beide vom Theater: War das bedeutsam?

Simonischek: Ja, ich habe Sandra schon lange bewundert. Sie ist so jung und schon so lange gut. Ich vergleiche sie gerne mit einem Musiker: Es gibt alte, gestandene Geiger, Pianisten, Klarinettisten. Und dann kommt ein junger Kollege, stellt sich vorne hin und ist von der Muse nicht nur einmal, sondern drei Mal geküsst worden. So eine ist Sandra.

Ihre Regisseurin Maren Ade bezeichnet sich als Perfektionistin, waren die Dreharbeiten anstrengend?

Simonischek: Die waren strapaziös mit sehr vielen Takes – aber das hatte ja auch Folgen für die Regisseurin: Maren Ade musste aus all dem Material einen Film kreieren. Am Theater ist das anders, da ist der Regisseur nach der Generalprobe abgemeldet. Während der Premiere sitzen die meisten im Café oder gehen aufgeregt hinter den Kulissen auf und ab. Der Schauspieler auf der Bühne hat dann zwar einen Auftrag, aber er ist auch autonom. Ich habe Aufführungen erlebt, in denen sich die Schauspieler während der Proben um des lieben Friedens Willen fügten und in der Premiere ihr eigenes Ding machen, nicht nur zur Überraschung des Regisseurs, auch der anderen Schauspieler.

Was lässt sich von einem Vater wie Toni Erdmann lernen?

Simonischek: Ach, wenn sich Liebesfähigkeit doch lernen ließe! Das wäre toll. Das nämlich kann man von dieser Kunstfigur lernen: Hinter all diese Kühnheiten, die er sich mit Perücke und Zähnen erlaubt, steckt ein liebender Vater. Seine treibende Kraft ist die Liebe zur Tochter – und auch der Humor. Mit diesen beiden Überlebensstrategien kann einem nicht viel passieren. Jeder weiß das, aber man vergisst es immer wieder.

Interview:

Stefan Stosch

Der Schauspieler, der Film

Peter Simonischek wurde am 6. August 1946 als Sohn eines Zahnarztes in Graz geboren. Seit 1999 ist er Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater. Von 2002 bis 2009 verkörperte er den „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen. Dort ist er diesen Sommer auch als Prospero in Shakespeares „Der Sturm“ zu sehen.

Maren Ades Film „Toni Erdmann“ über einen zu seltsamen Scherzen aufgelegten Vater und seine Tochter – gespielt von Sandra Hüller –, die als Unternehmensberaterin um die Welt jettet, startet morgen in den Kinos. Im Mai beim Filmfestival von Cannes wurde „Toni Erdmann“ von internationalen Zuschauern und Kritikern gefeiert, ging dann aber bei der Preisvergabe höchst umstritten völlig leer aus. Dem Erfolg des Films dürfte das nicht im Weg stehen. Denn auch wenn die Cannes-Jury damit wenig anfangen konnte: „Toni Erdmann“ ist ein Kinojuwel und einer der besten Filme der vergangenen Jahre. Die Jury der Evangelischen Filmarbeit empfahl „Toni Erdmann“ gestern als „Film des Monats Juli“.

LN

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