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Acht junge Menschen in in den Fängen des Internets

Lübeck Acht junge Menschen in in den Fängen des Internets

Gelungene Premiere des Stücks „#offline“ im Jungen Studio.

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Das Smartphone wird angehimmelt: Der Jugendclub 1 des Theater Lübecks in „#offline“.

Quelle: Lutz Roeßler

Lübeck. Zu Kirchenmusik schreitet das Smartphone auf die Bühne und streckt wie ein Gekreuzigter die Arme aus. Junge Menschen in weißer Kleidung scharen sich um das bunte Gerät und rufen Sätze wie „Danke Facebook, dass du mich dreimal am Tag fragst, ob ich zu meiner eigenen Sicherheit meine Telefonnummer angeben will“. Die Smartphone-Figur berührt sie, und plötzlich halten sie selbst ein Gerät in der Hand.

Doch ein junger Mann bleibt ohne Phone. Er verpasse Verabredungen, langweile sich zu Tode, und außerdem habe er schon Phantomvibrieren in der Taschen, klagt er. Das Jugendstück „#offline“ zeigt, wie die Grenzen zwischen der digitalen Welt und der Realität verschwimmen. Am Freitag war die Premiere.

Unter der Leitung von Theaterpädagoge Knut Winkmann ist den acht Darstellern eine spannende Szenencollage gelungen, die mit einem langen Applaus honoriert wurde. Das Bühnenbild ist bis auf eine Videowand weiß. Die Schauspieler brauchen nur ihre Smartphones als Requisiten, um Spannung zu erzeugen, die temporeiche Choreographie macht die Überforderung angesichts der Datenmassen deutlich. In der ersten Szene blicken die Augen der Darsteller durch ihre Smartphones, sie sprechen wie eine elektronische Stimme. „Die Frage ist nicht, wie man ins Internet kommt, sondern wie man wieder herauskommt“, sagt ein Smartphone-Mensch. Das Stück ist nicht verortet, mal irren die Schauspieler durch das Internet, mal verkörpern sie es selbst. Beispielsweise wenn sie die Absurdität personalisierter Werbung darstellen. „Leute, die diesen blau-weiß karierten Schneeanzug gekauft haben, haben auch eine Bobbahn gekauft“, rufen sie einer umkreisten Person zu, die sich verzweifelt zu wehren versucht: „Das will ich doch gar nicht haben.“

Neben solchen witzigen Szenen gibt es auch sehr ernsthafte Momente. Tobias Horstmann spricht über die neue Unverbindlichkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen. Niemand wolle sich mehr festlegen. „Es könnte ja noch etwas besseres kommen.“ Pia Fanick stellt klar: „Niemand verliebt sich über WhatsApp.“ Viele der Texte haben die Darsteller als „Digital natives“ selbst geschrieben.

Berührend auch Viola Tharandt, die berichtet, wie das Netz ihre Cousine auch nach deren Tod nicht gehen lässt. „Facebook erinnert mich immer noch an ihren Geburtstag – das ist wie eine Backpfeife.“

Alessandra Röder

„#offline“: Dienstag, 19 Uhr, Junges Studio des Theaters Lübeck

LN

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