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„Älter werden ist etwas Krasses“

Lübeck „Älter werden ist etwas Krasses“

Rocko Schamoni über Kunst, Disziplin und seinen Punk-Ausweis — Am 6. Februar ist er im Theater Lübeck.

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„Ein schönes Leben? Das würde ich so nicht sagen“. Rocko Schamoni (49) blickt durch.

Quelle: Kerstin Behrendt

Lübeck. Sie schreiben jeden Tag eine Seite eines neuen Romans?

Rocko Schamoni: Wenn ich an einem Roman arbeite, mache ich das so. Momentan habe ich 20, 30 Seiten für etwas, das vielleicht ein neues Buch wird.

Dazu gehört Disziplin.

Schamoni: Sonst geht‘s nicht. Man kann nicht ewig auf eine Eingebung warten, man muss ins Handeln kommen.

Sie waren nicht immer so.

Schamoni: Bis 30 wusste ich nicht, wie das alles funktioniert. Ab 35 habe ich kapiert, dass man sich zwingen muss und dass dieser Zwang auch zu einer Art von Freude führt.

Prince spricht von der „Joy of Repetition“, die nicht nur sexuell gemeint ist.

Hatten Sie zu wenig Disziplin, als Sie an der Hochschule für bildende Kunst in Hamburg waren?

Schamoni: Ich wusste nicht, was die mir eigentlich beibringen wollen. Sie sagten, man muss entweder seinen Platz am Kunstmarkt finden und festigen oder mit der Kunst aufhören.

Das habe ich nicht akzeptiert, muss aber im Nachhinein anerkennen, dass es für viele Studenten wahrscheinlich der richtige Hinweis ist. Viele Leute machen das jahrelang, kommen zu nichts und verschwenden Zeit, die sie woanders viel sinnvoller hätten verbringen können.

Sie haben mit Daniel Richter und Jonathan Meese studiert.

Schamoni: Daniel kommt wie ich aus Lütjenburg. Er war in meiner Klasse und hat mich auch an die Schule geholt. Jonathan war in der Parallelklasse, aber wir sind zusammen zur Aufnahmeprüfung gefahren und haben uns auf dem Weg dahin in der S-Bahn kennengelernt.

Erfolg haben Sie heute jenseits der Malerei, und nicht eben wenig. Aber er ist Ihnen verdächtig.

Schamoni: Anerkennung ist für jeden Künstler wichtig, aber der monetäre Erfolg, das reine Arbeiten dafür, am Markt seinen Platz gefunden zu haben, das finde ich dann doch immer noch banal. Wenn irgendwas funktioniert, neigt man in Deutschland dazu, dieses zu wiederholen. Das ödet mich an, das halte ich nicht aus.

Sie leben nach wie vor in Hamburg, haben aber mal überlegt, nach Berlin zu gehen.

Schamoni: Berlin ist eine von vielen Optionen. Ehrlich gesagt möchte ich gerne in den Süden. Alt werden im Norden macht mich irgendwie mürbe. Wenn ich könnte, würde ich dort leben, wo diese verdammte Kälte und Dunkelheit nicht permanent da ist. Ich werde damit nicht fertig. Ich produziere nicht genug Endorphine, um hier überstehen zu können. Ich werde immer lethargischer und depressiver, je dunkler es ist.

Was hält Sie zurück?

Schamoni: Das Geld. Wenn man an einen guten Ort in Meeresnähe im Süden zieht, ist es noch viel teurer als hier. Außerdem müsste ich alles komplett neu aufbauen. Das ist nicht so einfach. Aber es steht im Raum. Ich schaue mich um.

Sie reden erstaunlich offen über Ihre Depressionen.

Schamoni: Ich weiß nicht, warum das so erstaunlich ist. Es ist ja keine ansteckende Krankheit. Es ist ein Teil von mir und von vielen anderen Menschen auch, etwas Normales. Und ich bin ja nicht nur depressiv. Außerdem schöpfe ich auch daraus. Das sind Gefilde, in denen viel los ist, die interessant sind. Interessanter jedenfalls als Berichte von Leuten, denen es permanent gut geht.

Sie werden 50 dieses Jahr. Hat das für Sie eine Bedeutung?

Schamoni: Wie wohl für jeden, der über diese Grenze kommt, wo der Rückbau des Lebens und der Körperlichkeit beginnt. Der Effekt des Vorlaufens zum Tod wird durch solche Daten noch mal verstärkt. Zumal ich in einem Alter bin, in dem die ersten gleichaltrigen Freunde sterben. Das macht die Überschaubarkeit des Lebens sehr, sehr deutlich. Und auch die Banalität. Älter werden ist etwas Krasses.

Trotzdem führen Sie ein schönes Leben?

Schamoni: Das würde ich so nicht sagen (lacht). Das sind sehr große Amplitudenausschläge. Es gibt wunderbare Momente, aber auch das genaue Gegenteil davon.

Ein Wort zu Lütjenburg?

Schamoni: Was soll ich sagen? Es ist eine Stadt, die seit 750 Jahren im Sterben liegt. Es ist eigentlich eine schöne Stadt in einer schönen Gegend mit ein paar wirklich tollen Leuten darin, aber es wird zu wenig für die Kultur getan. Es gibt Orte dort, die prädestiniert sind, die perfektesten Kulturorte von ganz Ostholstein zu werden. Aber es traut sich niemand, Geld in die Hand zu nehmen und zu sagen: Jetzt machen wir aus der alten Kornbrennerei das Kulturzentrum, das wir seit Langem brauchen. Ich bin häufig da und würde mich auch engagieren. Aber da braucht man Leute, die wirklich ein bisschen Geld haben.

Und Campino von den Toten Hosen hat tatsächlich noch Ihren Punk-Ausweis im Portemonnaie?

Schamoni: Er hat den, ich hab den, und vier andere haben ihn auch.

Und damit durften Sie überall hinpinkeln?

Schamoni: Das ist ein international anerkannter Nachweis dafür, dass man das darf. Richtig. P. Intelmann

Geboren in Lütjenburg
„Songs & Stories“ heißt das Programm, mit dem Rocko Schamoni am 6. Februar in den Lübecker Kammerspielen gastiert. Er wird aus alten und neuen Texten lesen, es gibt alte und neue Songs, begleitet wird er von dem Hamburger Musiker Matthias Strzoda. Schamoni wurde als Tobias Albrecht in Lütjenburg (Ostholstein) geboren, ist Vater einer Tochter und lebt mit seiner Familie in Hamburg. Bekannt geworden ist er u. a. mit seinem Roman „Dorfpunks“ (2004). Mit Heinz Strunk und Jacques Palminger bildet er das „Studio Braun“ und die Band „Fraktus“.

LN

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