Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 3 ° wolkig

Navigation:
Albtraum der geschlossenen Gesellschaft

Salzburg Albtraum der geschlossenen Gesellschaft

Eröffnung der Salzburger Festspiele: Gefeierte Uraufführung einer Oper des britischen Komponisten Thomas Adès.

Salzburg. Keiner verlässt den Saal. So lässt sich nur wenig verkürzt der Inhalt von Thomas Adès’ neuer Oper „The Exterminating Angel“ („Der Würgeengel“) zusammenfassen, die nun die Salzburger Festspiele eröffnet hat. Im Vorfeld hätte man das auch als Durchhalteparole für das Publikum verstehen können – schließlich ist es nicht üblich, das glamouröse Festival mit einer Uraufführung zu starten.

 

LN-Bild

Erst kann die Gesellschaft den Festsaal nicht verlassen, dann geraten die Individuen in Streit: Bass John Tomlinson und Mezzosopran Anne Sofie von Otter.

Quelle: Barbara Gindl/afp
LN-Bild

Thomas Adès erhielt 2014 einen Grammy als Dirigent seiner eigenen Shakespeare-Oper „The Tempest“.

Quelle: Frazer Harrison/afp
LN-Bild

Erst kann die Gesellschaft den Festsaal nicht verlassen, dann geraten die Individuen in Streit: Bass John Tomlinson und Mezzosopran Anne Sofie von Otter.

Quelle: Barbara Gindl/afp
LN-Bild

Thomas Adès erhielt 2014 einen Grammy als Dirigent seiner eigenen Shakespeare-Oper „The Tempest“.

Quelle: Frazer Harrison/afp

Aber solche Bedenken erwiesen sich bald als überflüssig: Die Klänge des 1971 in London geborenen Komponisten fügen sich perfekt auch in ein eher kulinarisches Musikverständnis ein, wie es die Salzburger Festspiele traditionell pflegen. Am Ende wurde der Brite, der die gut zweieinhalbstündige Aufführung im Haus für Mozart selbst dirigiert hatte, einhellig und begeistert gefeiert.

Thomas Adès ist einer der erfolgreichsten Komponisten der Gegenwart. Seine Stücke, die oft wie ein Konglomerat unterschiedlicher Musikstile erscheinen und doch eine eigene und eigenwillige Sprache sprechen, werden regelmäßig aufgeführt. „The Tempest“ nach Shakespeares Drama „Der Sturm“ hatte 2010 auch in Lübeck eine umjubelte Premiere.

Buñuels Würgeengel

Für seine dritte Oper hat Adès sich nun einen Film zur Grundlage genommen: Der spanische Regisseur Luis Buñuel machte in „Der Würgeengel“ von 1962 ein Abendessen zum surrealen Katastrophenszenario:

Im Anschluss an eine Opernaufführung lädt ein Ehepaar zum Empfang in seine Villa. Neben der Primadonna und dem Dirigenten kommen ein Oberst, eine Pianistin, Adlige und andere Mitglieder der gehobenen Gesellschaft, während die Dienerschaft fluchtartig das Haus verlässt. Nach dem Essen kann plötzlich niemand mehr den Raum verlassen. Alle Türen stehen offen, und doch findet keiner mehr den Weg nach draußen: eine geschlossene Gesellschaft.

Bald fehlt es an Essen und Trinken. Nach und nach fällt die Schutzschicht der Zivilisation von den Eingeschlossenen ab. Tiere brechen in den Salon ein, und ein alter Mann bleibt nicht der einzige Tote. Dann plötzlich scheint alles wieder vorbei: Die Gruppe kann den Raum verlassen, nachdem sie sich an eine Szene während ihres Eintreffens erinnert hat. Doch kaum befreit, ist sie schon wieder in der nächsten Raum- und Zeitfalle gefangen.

Gemeinsam mit dem irischen Regisseur Tom Cairns, der „The Exterminating Angel“ nun zum ersten Mal auf die Bühne gebracht hat, entwickelte Adès zunächst ein Libretto, das sich eng an Buñuels Vorlage hält. Entsprechend unübersichtlich erscheint die Zahl der Akteure: 15 Hauptpartien kann sonst kaum eine Oper aufbieten. Diese extreme Besetzung, zu der noch zahlreiche Nebenrollen kommen, dürfte einen langfristigen Erfolg der Oper erschweren, selbst wenn weitere Aufführungen feststehen: Nach der Salzburger Uraufführung wird die Gemeinschaftsproduktion noch in London, New York und Kopenhagen zu sehen sein.

Buñuels Kinoversion kommt ganz ohne Soundtrack aus, Adès dagegen überflutet den Stoff geradezu mit Klängen. Das beginnt mit dem Glockengeläut, das den Saal schon erfüllt, noch ehe das Stück richtig beginnt: ein tönendes Symbol der Ewigkeit. Dann aber lässt Adès das groß besetzte Orchester in die Vollen gehen. Motorische Rhythmen überlagern einander schnell und türmen sich zu gewaltigen Tonmassen auf, die sich schließlich in gewaltigen Schlägen entladen, die Harmonik ist weder klar atonal noch tonal. Hier ähnelt die Kompositionsweise des Briten der von György Ligeti, der allerdings anders als Adès nie in den Ruf geraten ist, allzu effektvolle Klänge zu komponieren.

Dass solche Vorwürfe im Fall von „The Exterminating Angel“ ungerechtfertigt sind, zeigt der raffinierte Umgang mit der musikalischen Tradition. Typisch dafür ist der Wiener Walzer, der immer wieder in verfremdeten Motiven durchklingt und wunderbar die Panik der auf Amüsement geeichten Gesellschaft illustriert. In der zentralen Arie greift Adès auf die Musik des 12. oder 13. Jahrhunderts zurück.

Und mit einer gewaltigen Chaconne, die die scheinbar ausweglos kreisende Handlung in Töne fasst, demonstriert er souveränen Umgang mit großen Formen.

Flatterhafte Virtuosität

Von eigener Qualität ist der Umgang mit den Stimmen: Der Komponist verlangt seinen Sängern viel ab. Seine Partien, die auch fast klassische Arien und Duette enthalten, erfordern teilweise extreme Höhe oder Tiefe und eine flatterhafte Virtuosität. Das ist eine dankbare Aufgabe für das luxuriös besetzte Salzburger Ensemble, zu dem altgediente Stars wie Anne Sofie von Otter, Thomas Allen und John Tomlinson gehören. Audrey Luna macht als Primadonna ihrem Namen mit astronomischer Höhe Ehre, Charles Workman und Amanda Echalaz sind auch stimmlich ein exquisites Gastgeberpaar.

Dass nicht jedes Detail perfekt gelingt, mag der kurzen Vorbereitungszeit geschuldet sein: Das Stück wurde erst vor Probenbeginn fertig. Das Radio-Sinfonieorchester Wien meisterte unter Leitung des Komponisten aber alle Schwierigkeiten souverän.

Der Komponist

Thomas Adès wurde 1971 in London geboren. Er machte sich als Pianist, Dirigent und vor allem als Komponist einen Namen. Seine Werke finden bei Orchesterchefs große Zustimmung. So dirigierte Simon Rattle Adès’ Stück „Asyla“ bei seinem Antrittskonzert bei den Berliner Philharmonikern. 2001 erhielt Adès den Hindemith-Preis des Schleswig-Holstein Musik Festivals, damals dotiert mit 20 000 Mark. Die Auszeichnung wird „herausragenden zeitgenössischen Komponisten“ verliehen.

„The Tempest“, Thomas Adès’ Oper nach dem Drama „Der Sturm“ von William Shakespeare, war nach der Premiere 2010 ein großer Publikumserfolg am Theater Lübeck.

Weitere Aufführungen von „The Exterminating Angel“ in Salzburg: 1., 5. und 8. August.

Stefan Arndt

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden