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Alkohol-Rituale bei den Großeltern

Alkohol-Rituale bei den Großeltern

Wer den Schauspieler Joachim Meyerhoff (Foto, 48) auf der Bühne gesehen hat — etwa als Mephisto im legendären „Faust“ von Jan Bosse am Hamburger Schauspielhaus —, ...

Wer den Schauspieler Joachim Meyerhoff (Foto, 48) auf der Bühne gesehen hat — etwa als Mephisto im legendären „Faust“ von Jan Bosse am Hamburger Schauspielhaus —, diesen langen schmalen Mann mit der variablen Mimik, kann sich kaum vorstellen, dass er einmal ein langes dünnes Elend war. Und zwar während seiner Ausbildung an der Münchner Falckenberg-Schule. Diese Zeit Anfang der 1990er Jahre beschreibt Meyerhoff in seinem neuem Roman „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ (ein Zitat aus Goethes „Werther“). Doch was heißt Roman? Der in Schleswig aufgewachsene Vielseitigkeitskünstler erzählt wie in den vorigen Büchern („Alle Toten fliegen hoch“) sein eigenes Leben, lustvoll, schonungslos.

Die Ausbildung zum Schauspieler gleicht einer Dressur, und er erlebt sich als völlig unbegabt, schleppt sich durch drei Studienjahre — in einem Kosmos außerhalb der Welt. Hauptpersonen aber sind die Großeltern, die ihn in ihrer Villa aufgenommen haben. Kulturbürger, die um so mehr glänzen, je stärker Meyerhoff an der Schauspielschule sein Scheitern erlebt. Der Enkel wird Teil einer Lebensgemeinschaft, deren Tagesablauf von Alkoholika bestimmt wird: Mundspülung, Champagner, Weißwein, Whisky, Rotwein, Cointreau. In dem aber auch Witz und tiefsinnige Gespräche ihren Platz haben.

Meyerhoff erzählt in Episoden, in jeder offenbart er Beobachtungsgabe und Fabulierkunst, Sinn für feine Ironie und Tragik. Er berichtet mit Zärtlichkeit von den Alten, von der Diva-Großmutter und dem Philosophen-Großvater, man darf sogar an ihrem Sterben teilhaben. Solche Großeltern hätte man haben wollen, solch ein Enkel wäre man gerne.

„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ von Joachim Meyerhoff, Kiepenheuer & Witsch, 348 S., 21,99 Euro

Michael Berger

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