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Kultur im Norden Alle paar Minuten eine neue Attraktion
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02:18 26.04.2016

Er zieht uns gleich wieder mitten hinein ins pralle Leben: Der Fabulierer John Irving (74) erzählt in seinem neuen, mittlerweile 14. Roman „Straße der Wunder“ von zwei hochbegabten Kindern, die auf einer Müllkippe im mexikanischen Oaxaca leben.

Wir schreiben das Jahr 1970. Der 14-jährige Autodidakt Juan Diego liest pausenlos ausrangierte Bücher und spricht zwei Sprachen fließend, während seine ein Jahr jüngere Schwester Lupe Gedanken lesen kann. Beide befinden sich in der Obhut des menschenfreundlichen Jesuitenpaters Pepe und ihres Ersatzvaters Rivera, weil ihre Mutter Esperanza wenig Zeit hat. Sie arbeitet als Prostituierte und geht im Nebenjob bei den Jesuiten putzen.

40 Jahre später erinnert sich der Vielleser Juan Diego, inzwischen ein weltberühmter US-Schriftsteller, in einer Reihe von Träumen während einer Flugreise an seine bizarr-turbulente Jugend zwischen brennendem Müll, blutenden Marienstatuen und prügelnden Kleinganoven. Die Müllkinder und ihre Sippe sind unverkennbar eine typische Irving-Familie: schön kaputt und verkracht und möglichst weit entfernt von jeder Normalität. Irving kultiviert auf fast 800 Seiten seine ganz spezielle Art von magischem Realismus, der sich keinen Deut um Plausibilität schert.

Aber die pittoresken Protagonisten bleiben trotz aller Detailversessenheit diesmal seltsam blass, obwohl um sie herum jede Menge los ist. Wir lernen einen Jesuitenpater kennen, den alle wegen seiner Hawaiihemden nur den „Papageienmann“ nennen. Der verliebt sich in einen Transvestiten, während die Müllkinder als Kuriositäten in einem Zirkus auftreten. Ein wenig funktioniert Irvings Buch selbst wie eine Aufführung in der Manege. Alle paar Minuten eine neue Attraktion. Die breit ausgewalzte Rahmenhandlung um den Schriftsteller Juan Diego wirkt einigermaßen abstrus.

Der Starautor schluckt Betablocker, um sich zu beruhigen, und Viagra, um auf Touren zu kommen. Der Plot von „Straße der Wunder“ mäandert zwischen den Kontinenten, unzählige Hunde streunen durch die 32 Kapitel, Blut- und andere Körperflüssigkeiten fließen in Strömen. Die haarsträubenden Geschichten von den beiden Müllkindern sind das Beste an diesem Buch.

„Straße der Wunder“ von John Irving. Diogenes Verlag, 776 Seiten, 26 Euro.

Von J. von Der Gathen

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