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Alles nur „der Geste wegen“

Berlin Alles nur „der Geste wegen“

Helene Hegemanns neuer Roman „Jage zwei Tiger“ führt wieder Jugendliche vor, bei denen vieles Attitüde ist.

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Früh ausgezeichnet, früh zerpflückt: Helene Hegemann schrieb mit 14 Jahren ihr erstes Film-Drehbuch, für „Torpedo“ bekam sie den Max-Ophüls-Preis. Ihr Buch „Axolotl Roadkill“ wurde als Plagiat gerügt.

Quelle: Foto: dpa

Berlin. Mit 14 wollte sie Terroristin sein, sagt Helene Hegemann auf die Frage nach ihrer favorisierten Jugendbewegung: „Nur der Geste wegen.“ Diesen Halbsatz würden sich die Romanfiguren der jungen Autorin vermutlich gern auf den Grabstein schreiben lassen. Denn jede Frisur oder auch jede Wahl des Sexualpartners ist für diese Jugendlichen ein „Statement“, eine Botschaft an die Welt. Eine Turnschuhmarke etwa beschreibt Hegemann als „supersick, diese inszenierte millionenschwere Guerilla- Idee von Coolheit“.

Vor drei Jahren wurde Helene Hegemann für ihre vermeintlich authentische Schilderung der Party-Eskapaden einer Schulschwänzerin in ihrem Debüt „Axolotl Roadkill“ zur Stimme ihrer Generation erklärt.

Der Aufschrei war groß, als sich die Geschichte zum Teil als geliehen entpuppte: Die damals 18-Jährige hatte Passagen aus dem Blog eines Autors übernommen, der sich Airen nennt. Es entbrannte eine Debatte über künstlerische Freiheit und Intertextualität.

Hochgespielt und verdammt zu werden sei „gleichermaßen beknackt“, sagt die Autorin heute, beides beruhe auf Missverständnissen. „Es war so, als wenn jemand sagt: ,Oh, du hast aber eine tolle pinke Jacke an.‘ Dabei ist die schwarz. Man fühlt sich veralbert.“

In dieser Woche erschient Hegemanns zweiter Roman „Jage zwei Tiger“. Wieder geht es um kriselnde Jugendliche zwischen Kokainsucht und One-Night-Stand. Schon der Titel ist ein Statement: „Jage zwei Tiger“ zitiert einen Song der slowenischen Band Laibach, der davon handelt, sich auch im Angesicht des Scheiterns nicht mit kleinen Dingen zufrieden zu geben — eben nicht bloß zwei Hasen, sondern zwei Tiger zu jagen.

Das Buch erinnert in vielem an „Axolotl Roadkill“: Dieser schnoddrige Stil, die verschachtelten Konstruktionen („dieses einfallslose, sich selbst in keinster Weise ihres bei mir überhaupt nicht vorhandenen Status bewusste Babe“), der Abgesang auf eine Gesellschaft, die Hegemann im Text als „große, krasse, gelangweilte Welt der Finsternis“ charakterisiert. Den Texten aus Schreibakademien merkt man oft an, dass ihre Autoren Stunden über einer Metapher gebrütet haben. Hegemann steht für das andere Extrem: Ihr Roman gleicht einem Brainstorming-Transkript. Am Anfang wird auf drei Seiten eine Ich-Erzählerin eingeführt, die später nur noch sporadisch in Sätzen wie „Habe ich das jetzt wirklich geschrieben?“ auftaucht. Ein Erzählkonzept ist nicht zu erkennen.

Aber die Autorin hat sich seit „Axolotl Roadkill“ weiterentwickelt. An die Stelle des radikal subjektiven Berichts tritt diesmal eine episodenhafte Geschichte mit mehreren Protagonisten: Der zwölfjährige Kai verliebt sich ausgerechnet in das Mädchen, das den Unfalltod seiner Mutter verursacht hat. Die 17-jährige Cecile überlässt ihren Körper alten Männern und Frauen. Weshalb? Vielleicht der Geste wegen. Trotz ihres Elends scheinen diese Charaktere mehr Perspektive zu haben als die Mifti aus „Axolotl Roadkill“. Man traut ihnen zu, das Elend hinter sich zu lassen.

Beide Romane leben von der großen Geste. Abseits der Literatur tritt Hegemann jedoch ganz ohne Attitüde auf. Sie lotst ihre Hündin Charlie treusorgend durch den Berliner Verkehr, ihr Thunfischgericht teilt sie gerne, mit den Kellnern scherzt sie unaufgesetzt. Ihr Gesicht ist kaum geschminkt, die blonde Mähne sich selbst überlassen. Von diesem netten Mädchen würde man nicht annehmen, dass es über eine Szene schreibt, in der Taschen mit verfremdeten Markenlogos nur getragen werden, um das Label zu diskreditieren.

Hegemann-Porträts lesen sich oft ein wenig beleidigt, weil sich die Vermutung, die Autorin sei so verkorkst wie ihre Figuren, als haltlos erwies. Helene Hegemann muss immerzu wiederholen, ihr Leben sei viel zu langweilig, um als Vorlage für Literatur zu taugen.

Der zweite Roman
Helene Hegemann, geboren am 19. Februar 1992, ist Tochter des Dramaturgen Carl Hegemann, der zurzeit am Thalia Theater Hamburg engagiert ist. Ihr Roman „Jage zwei Tiger“ ist im Verlag Hanser Berlin erschienen, hat 320 Seiten und kostet 19,90 Euro. Am 20. September liest Helene Hegemann aus dem Buch im Hamburger Club „Uebel & Gefährlich“ (Feldstraße 66).

Nina May

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