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Kultur im Norden Als Beethoven nach Japan kam
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18:10 29.05.2018
Naruto

Sie hält ein Schwarzweiß-Foto ihres Großvaters Hermann in der Hand. Ein junger Mann mit dunklem Bart ist darauf zu sehen. Die Szene zeigt ihn während der Gefangenschaft im Ersten Weltkrieg in Japan.

„Vorigen Sonnabend wurde die Neunte Symphonie von Beethoven gespielt. Die Aufführung glückte gut“, habe er damals aus dem Lager Bando an seine Mutter in Deutschland geschrieben, erzählt Susanne Hake.

Das war am 1. Juni 1918 und das erste Mal, dass Beethovens Neunte in Asien erklang.

„Mein Opa spielte in Bando die zweite Geige“, erzählt seine Enkelin, die aus Wiesbaden stammt und in Berlin lebt. Welche herausragende Bedeutung diese Symphonie für die Japaner bekommen sollte, war damals nicht abzusehen. Die „Ode an die Freude“ sei aber zur „rituellen Identifikationsmusik des japanischen Volkes, zum Symbol für nationale Einheit, Tenno und Tugend, Stärke, Mut und Kraft“

mutiert, schrieb die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ einmal.

Susanne Hake wird dabei sein, wenn die Neunte übermorgen zum Jubiläum der Premiere in Asien erneut erklingt. Und sie wird singen, als Mitglied eines mehr als 1000-stimmigen internationalen Chores.

Genau an jenem historischen Ort auf Japans kleinster Hauptinsel Shikoku, wo einst ihr Großvater und seine Kameraden sie erklingen ließen.

Hermann Hake gehörte zu den rund 4700 deutschen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg beim Kampf um das deutsche Pachtgebiet Tsingtau (heute Qingdao) in China in japanische Kriegsgefangenschaft geraten waren. Sie wurden nach Japan verschifft und in verschiedenen Lagern untergebracht. „Fast 1000 von ihnen hatten das Glück, in das human geführte Lager Bando verlegt zu werden“, sagt Susanne Hake. Denn dort hatten die Deutschen dank des Lagerkommandanten Toyohisa Matsue einige Freiheiten. So durften sie unter anderem Brot backen, Gaststätten für japanische Besucher einrichten – und musizieren.

Heute gehört die „Dai-Ku“, wie die 9. Symphonie auf Japanisch heißt, zur Kulturlandschaft des fernöstlichen Landes. Nirgendwo auf der Welt löst sie alljährlich eine solche Begeisterung aus wie hier.

Zu Neujahr erklingt Schillers „Ode an die Freude“ an vielen Orten, gesungen von Chören mit bis zu 10000 Sängern und in deutscher Sprache.

Hermann Hake hat Ruhe und Trost bei dieser Musik gefunden. So stehe es in den Briefen an seine Mutter, sagt seine Enkelin. Sie erinnert sich noch gut, wie ihr Großvater viele Jahre nach den beiden Weltkriegen Besuch aus Japan vom Sohn jenes Briefträgers bekam, der damals seine Briefe abholte und ihm Post aus Deutschland ins Lager Bando gebracht hatte. Die Briefe ihres Opas an seine Mutter waren im vorigen Jahr Teil einer Ausstellung in Lüneburg, der deutschen Partnerstadt von Naruto, in das Bando eingemeindet wurde. Lüneburg hat auch die Gruppenreise des Chors organisiert, der zusammen mit anderen Chören aus Qingdao, Naruto und Los Angeles die Neunte singen wird. Die Feierlichkeiten gehen über drei Tage. „Ich hoffe, dass ich nicht weine“, sagt Susanne Hake.

Meilenstein der Musikgeschichte

Ludwig van Beethovens 9. Symphonie ist eine der großen Wegmarken der Musik. Uraufgeführt wurde sie am 7. Mai 1824 im Wiener Kärntnertortheater – unter tosendem Applaus. Beethoven hat sich schwergetan mit dem Werk, in dem er Friedrich Schillers „Ode an die Freude“ vertonte und das erst fast zwölf Jahre nach seiner 8. Symphonie fertig vorlag. Das Hauptthema des letzten Satzes ist seit 1985 die offizielle Hymne der Europäischen Gemeinschaft.

Lars Nicolaysen

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